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Carl Hansen und die Hypnose in Wien

Sigmund Freud besuchte als Student eine Darbietung Hansens:

„Noch als Student hatte ich einer öffentlichen Vorstellung des „Magnetiseurs Hansen beigewohnt und bemerkt, daß eine der Versuchspersonen totenbleich wurde, als sie in kataleptische Starre geriet und während der ganzen Dauer des Zustandes so verharrte. Damit war meine Überzeugung von der Echtheit der hypnotischen Phänomene fest begründet.“ (Freud 1925d, 40)

Hypnose in Wien zur Zeit Hansens:

In der Ärzteschaft Wiens war die Hypnose weitgehend als Scharlatanerie angesehen. Nur wenige Ärzte, die sich auf die  französischen Erfahrungen stützen, befassten sich mit Hypnose und riskierten ihr Ansehen, ein medizinisches Experimentierfeld war die Physiologie, wo man Tierversuche machte. Versuche mit PatientInnen fanden vereinzelt und im Verborgenen in Praxen statt, an wenigen Kliniken wurde die toleriert.

In dieser Situation betrat 1880 Carl Hansen, der dänische Magnetiseur auf Europatournee, 1880 in Wien die Bühne - auch die des Ringtheaters und vieler privater Salons. Seine öffentlichen Vorstellungen lösten ein „Hansen-Fieber“ aus.

Die wenigen, die sich wissenschaftlich mit Hypnose beschäftigten, kritisierten ihn theoretisch:
Moritz Rosenthal (Neuropathologe) vertrat für die Katalepsie die Theorie einer erhöhten Reflexerregbarkeit der Muskeln, veränderten Zirkulation- und Ernährungsverhältnissen im Gehirn bei bestimmten PatientInnen. Beweis war ihm die Blässe der Personen in Hypnose und er führe Hansens Erfolg auf die Wahl seiner Versuchpersonen zurück.
Moritz Benedikt (Leiter der Abteilung für Elektrotherapie und Neuropathologie an der Wiener Polklinik), der mehrmals zu Charcots Demonstrationen an der Salpetrière nach Paris reiste, sah in den kataleptischen Erscheinungen nicht die Wirkung der Einbildungskraft sondern die von psychothoxischen Reizen. Er konnte in den 1860er Jahren bei Oppolzer nach dem Pariser Vorbild einige Frauen hypnotisieren, über deren Katalepsie berichtete er in seiner Arbeit „Elekrotherapie“(1868, 417). Während der Auftritte Hansens in Wien hielt er im Verein der Ärzte einen Vortrag, in dem er sich bemühte, die kataleptischen Phänomene wissenschaftlich zu betrachten.

Diese Kritik von Seiten der Medizin war der Akzeptanz der therapeutischen Anwendung der Hypnose abträglich.
Schließlich bestellte der Niederösterreichische Sanitätsrat bei der Medizinischen Fakultät ein Gutachten, das eine Gesundheitsgefährdung der Versuchspersonen bestätigte, was zu einem Auftrittsverbot für Hansen führte. In der Kommission saßen Gegner der Hypnose (Meynert) und Befürworter (Rosenthal, Benedikt, Obersteiner)

„Die magnetischen Demonstrationen des dänischen „show-Magnetiseurs“ Carl Hansen erlangten gerade für Deutschland um 1879-1880 eine besondere Bedeutung. Hansen trat in Schweden, Dänemark, Finnland, Rußland, Frankreich, Österreich, Großbritannien und Deutschland auf. Zur Einleitung der Hypnose ließ er seine Probanden üblicherweise ein glänzendes Stück Glas fixieren, machte einige Streichbewegungen mit seiner Hand über deren Gesicht, schloß ihre Augen und Mund und beendete die Induktion mit einigen Streichbewegungen über die Stirn der Probanden. Häufig ließ er seine Probanden steif zwischen zwei Stühlen liegen und stellte sich sich dann auf den Körper der Probanden („human plank feat“). Im deutschsprachigen Raum beeindruckte er mit seinen Demonstrationen eine Reihe von Wissenschaftlern und regte entsprechende Publikationen an: In Chemnitz den Physiker Weinhold (Hypnotische Versuche, 1879) , in Breslau die Mediziner Heidenhain und Berger, in Berlin Preyer und Eulenberg, in Würzburg Rieger, in Leipzig Möbius und Wundt und in Wien Krafft-Ebing und Benedikt.
Wegen seines Einflusses spricht der Medizinhistoriker Gauld von einer „Hansen-Phase“ der Hypnose im deutschsprachigen Raum.“
Quelle: http://www.hypnose-kikh.de/museum_de/saal8.htm

 Quellen:

Gauld, A. (1992). A history of hypnotism. Cambridge: University Press.
Mayer, Andreas  (2002): Mikroskopie der Psyche: Anfänge der Psychoanalyse im Hypnose-Labor. Göttingen: Wallstein
Ellenberger, Henry F. (1973): Die Entdeckung des Unbewußten. 2 Bde. Bern: Huber
Hahn, Torsten; Person, Jutta; Petzes Nicolas (Hg.) (2002): Grenzgänge zwischen Wahn und Wissen. Zur Koevolution von Experiment und Paranoia 1850-1910. Frankfurt am Main: Campus
http://www.hypnose-kikh.de/museum_de/saal8.htm

Text und Redaktion: Christine Diercks, 2009