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Paul Federn (1931): Eduard Hitschmann zum 60. Geburtstag - 28. Juli 1931

„In diesem Jahre haben drei ärztliche Mitglieder der Wiener Gruppe der I. P. V. das siebente Jahrzehnt ihres Lebens erreicht. Alle drei, Friedjung, Hitschmann und Federn, waren seit der Mittelschule Jahrgangskollegen und Freunde, so daß Interesse und Begeisterung des einen auch die beiden andern beeinflußte. Dieser Anhängerschaft ist eine gewisse lokale Bedeutung zugekommen, weil die drei als gut ausgebildet und in der Praxis bereits erfolgreich bei den Ärzten einen guten Ruf genossen. Der wissenschaftliche Kreis von Dozenten und Kandidaten für dieDozentur, in dem sie verkehrten, konnte wohl spötteln. Es gab ihm doch zu denken, daß drei so brav-naturwissenschaftlich geschulte Männer sich einer angeblich so unexakten, ja phantastischen Methode wie der Psychoanalyse zuwendeten. Vor allem wunderten sie sich über Hitschmann, diesem Muster an Ordnung und Exaktheit, in all seinem Tun und Können; denn während seiner Dienstzeit im Allgemeinen Krankenhause, diesem großen, klinisch-religiösen Ärztedorfe inmitten Wiens, hatte er sich einen Ruf als Diagnostiker erworben, dem das Alltägliche wie selbstverständlich gelang und die Ausnahmsfälle nie entgingen. Dies und sein Witz, von dem manche Schöpfungen anonymes Allgemeingut wurden, haben ihn mit Recht populär gemacht. Nur die ihm Nahestehenden kannten auch seine künstlerische Begabung und seine philosophische und literarische Bildung. So gab er zugunsten der Psychoanalyse ein wohlbestelltes Arbeitsfeld auf, oder vielmehr er mußte es neu bestellen. Anfangs fiel ihm das schwer. Er hatte sich trainiert, recht logisch und bewußt zu arbeiten, und sollte nun neuerdings Eindrücke sammeln und gar sich ganz auf sein Unbewußtes verlassen. Oft wird behauptet, die große Diagnostik sei so wie die Neuentdeckung Sache der Divination, d. h. des telepathischen Miterlebens mit dem zu erkennenden Objekte. Nach den Mitteilungen der paar exzeptionellen Diagnostiker, die ich kannte, und danach, was ich an ihrem Arbeiten als charakteristisch bemerkte, bedarf es nicht solcher halbmystischer Fähigkeit. Allen großen Diagnostikern gemeinsam ist die Schärfe, Präzision und gleichbleibende Verläßlichkeit aller Sinnesorgane; dazu kommt deren feine Empfindlichkeit bei großer Ausdauer und großer Ausdehnung des Reizgebietes; bei Diagnostikern habe ich nie kompensierte Minderwertigkeit gesehen, immer ein Plus an Sinnesbegabung und Überbau. Weil die Aufnahme so mühelos geschieht, nehmen sie ständig alle sich bietenden Eindrücke auf; das reibungslos Aufgenommene wird mit seltener Treue und guter Sonderung im Gedächtnis gewahrt (ich habe Neusser noch vor der erreichten Professur einmal zugehört, als er sagte: „Das ist so wie der Fall vor sechs Jahren im Saale N auf Bett soundso“, und dann stellte er in Analogie die Diagnose, die er in allen Details sodann erörterte); aus den automatisch richtig gespeicherten und rubrizierten Bildern wird das mit dem vorliegenden ähnlichste automatisch in das Bewußtsein gehoben. Ermöglicht wird aber dieses präzise Speichern und Rubrizieren durch die kunstgerecht geübte, ziselierende Logik der absichtlich geübten Differentialdiagnostik; vice versa gibt es erst das Material für das Üben solcher Denkpräzision. Dank den lebhaften Vorstellungen des Krankenmaterials lesen diese Art Köpfe Krankengeschichten, Monographien und selbst Lehrbücher, wie wenn sie die Kranken selbst und das Innere ihres Körpers ständig vor sich hätten. Sie alle sind mit Liebe und Hingebung Ärzte, weil all ihr Arbeiten dabei von der Freude des Erfolgs und von der Organlust der richtigen Funktion begleitet ist; sie haben ihre Berufswahl aus richtigen Gründen der eigenen Begabung getroffen und nicht aus Übertragungs- oder Identifizierungsmotiven. Dies führt uns zur Psychoanalyse: Solch ein Präzisionsmechanismus der Sinne und des Verstandes darf nicht neurotisch oder sonst libidinös gestört sein, sonst bringt er nur ein launenhaftes, vom Privatschicksal abhängiges, periodisch richtiges Funktionieren zustande. Man kann in der Richtung der Libidoökonomie die conditio sine qua non für die diagnostische Perfektion dahin definieren, daß narzißtische und objektlibidinöse Besetzungen völlig, geradezu exakt, getrennt sein müssen, soweit die Berufstätigkeit in Frage kommt. Z. B. darf der auf seine Kunst noch so Eitle in ihrer Ausübung gar nicht eitel sein. Der narzißtisch Eingestellte wäre nicht zum richtigen Aufnehmen des Materials geeignet, geschweige zur guten Verwendung.

Hitschmann war also, wie wir damals sagten, Reinkultur solcher Fähigkeit und Fertigkeit und hatte sie zu fehlerloser Präzision entwickelt. Als Arzt wurde er Psychoanalytiker und ist Arzt und Psychoanalytiker geblieben. Das ist seine Stärke und entschuldigt auch seine Schwäche, auch die in seinem Verhalten gegenüber der Laienanalyse, deren Notwendigkeit ihm erst spät klar wurde. Sein seit den Knabenjahren reges psychologisches Interesse hatte ihn auch im ärztlichen Tun stets das Schicksal der Kranken und der Ärzte mitbeachten lassen. Die Neurosen zogen ihn an, und da hat die klinische Medizin ihm nichts geboten. Zu diesem Gebiete fand er die richtigen Zugänge durch die Psychoanalyse, und vielleicht noch mehr wurde das lebhafteste Privatinteresse seiner Jugendjahre neu geweckt und gestillt, als mehr und mehr auch die Determinierung der Charaktere durch die Erkenntnisse Freuds verständlich wurde. Immer drängte es ihn, wie auf dem Gebiete der internen Medizin, das Gelernte zu rubrizieren und differentialdiagnostisch zu verwenden! Theoretisch gab er unserm Meister recht, daß
vorzeitiges Systematisieren unnütz ist und leicht zum Widerstande wird; praktisch zwang ihn Begabung und Gewohnheit immer wieder dazu. So stammt das erste Lehrbuch der Neurosenlehre von ihm, im Jahre 1911 kein geringes Wagnis und eine sehr gut gelungene Leistung. Der Fortschritt der Psychoanalyse war aber zu rasch, um schon eine Systemisierung zu gestatten. Seit 1913 ist keine neue Auflage erschienen; jeder gewissenhafte Autor muß eben warten, bis er genug Erfahrungen und Eindrücke selbst gewinnen konnte, um sie aus eigener Fülle wiederzugeben. Was noch undurchsichtig ist, vermeidet dieser so klare Kopf; das ihm klar Gewordene stellte er aber in zahlreichen lesenswerten Arbeiten dar. Seine Stärke ist das Finden und Belegen bestimmter typischer Zusammenhänge zwischen Konstellationen und Einzelsymptom, oder die Zusammenstellung aller Folgen einer bestimmten Konstellation in der Kindheit oder eines bestimmten Symptomkomplexes. So hat er auch als Psychoanalytiker den Weg zur Klinik gefunden. Als Lehrer und Lehranalytiker hat er ihn den Jüngeren gewiesen. Darüber verlor er aber nie sein Interesse für Literatur und Dichter; mehrere biographische Arbeiten auf Grund der Psychoanalyse, besonders die über Keller und Knut Hamsun, bringen übersehene Zusammenhänge zur Evidenz. Die Tendenz und den Wert dieser Arbeitsrichtung vertrat er in seinem Vortrage über „Pathographie und Psychoanalyse“.

Als Arzt, Psychoanalytiker und Neurologe war Hitschmann dazu berufen und wurde dazu gewählt, das Psychoanalytische Ambulatorium zu leiten. Inmitten einer, lange Zeit feindlich gesinnten, ärztlichen Umwelt war die Verläßlichkeit der Diagnosen für den Ruf des Instituts primäre Notwendigkeit. Sie ist aber auch die Vorbedingung für die richtige Indikation und Auswahl der Fälle. Die Wiener Psychoanalytische Vereinigung dankt ihrem geschätzten Ausschußmitglied und Ambulatoriumsleiter für die von ihm geleistete Hilfe und Arbeit und wünscht ihm weitere erfolgreiche Wirksamkeit, die auch ihm, dem nicht leicht zufrieden Gestellten, wie bisher Freude und Genugtuung bringen sollen.“

(Paul Federn, IZP, XVII, 1931, 421-423)

Redaktion: CD, 2013