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Josef Karl Friedjung - Biografie Sabine Zaufarek

Josef Karl Friedjung wurde am 6. Mai 1871 in Nedwieditz (Nedvedice), in Mähren, unweit von Brünn, als drittes von acht Kindern jüdischer Eltern geboren. Der Vater Alois Friedjung war Kaufmann und Gastwirt, von seiner Mutter ist nichts bekannt. Friedjung ging in eine tschechische Volksschule, wuchs aber zweisprachig in einer deutsch-liberal geprägten Familie auf.
Mit 11 Jahren kam er mit seiner Familie nach Wien und besuchte das Akademische Gymnasium, wo er 1889 mit Auszeichnung maturierte. Seit dieser Zeit war Friedjung mit den gleichaltrigen Kollegen Paul Federn und Eduard Hitschmann befreundet.
Nach dem Schulabschluss leistete er seinen Militärdienst als „Einjährig Freiwilliger“ in Wien und Laibach. Anschließend studierte er am Konservatorium in Wien Klavier und Komposition.
Nach dem frühen Tod seines Vaters entschied er sich aber aus ökonomischen Gründen, Medizin zu studieren.
Während des Studiums war Friedjung als Sozialpädagoge, Leiter im Akademischen Turnverein, später als Volontärärzt tätig und befasste sich schon zu Beginn seiner pädiatrischen Laufbahn intensiv mit dem Seelenleben des Kindes. 1895 promovierte er an der Universität Wien.
Seine medizinische Ausbildung erhielt er in Wien, Laibach und an der Kinderklinik Heubners in Berlin.
Von 1897 bis 1904 war Friedjung Assistenzarzt am Kinderspital der Wiener Allgemeinen Poliklinik und danach am 1. Öffentlichen Kinder-Krankeninstitut.
1899 trat er in die Sozialdemokratische Partei ein und setzte sich für das Frauenrecht, den Mutter- und Kinderschutz ein.
Ab 1903 war Friedjung auch Mitglied der Freimaurer sowie des Monistenbundes.
1905 heiratete er Johanna Neumann, die Tochter des Operettenkomponisten Alexander Neumann.
1908 nahm er am ersten Psychoanalytischen Kongress in Salzburg teil.

Er wurde am 20.10.1909 zur Aufnahme in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung vorgeschlagen und am 27.10.1909 als ordentliches Mitglied aufgenommen. Seinen Vortrag mit dem Titel „Was kann die Kinderheilkunde von der psychoanalytischen Forschung erwarten?“ hielt Friedung am 17.11.1909.
Friedjung zählte zu den ersten, die Erkenntnisse der Psychoanalyse auf die Kinderheilkunde anwendeten, brachte die direkte Kinderbeobachtung in die Psychoanalyse ein und konnte vieles bestätigen, was die Psychoanalyse zum Teil nur aus der Erwachsenenanalyse durch Rekonstruktion erschloss, z. B. die frühkindliche Sexualität.
Sein Interesse galt der Verbreitung der psychoanalytischen Erkenntnisse und ihrer praktischen Anwendung in der Kinderheilkunde.
Friedjung veröffentlichte bis 1935 etwa 150 Arbeiten in verschiedenen medizinischen, pädiatrischen und psychoanalytischen Fachzeitschriften, seit 1927 war er ab dem 2. Jahrgang der „Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik“ deren ständiger Mitarbeiter.
Er gehörte der Gruppe um Alfred Adler an und blieb 1911, nach dem Bruch zwischen Freud und Adler, als einziger Anhänger Adlers in der Vereinigung, obwohl er die Austrittserklärung unterzeichnet hatte.
Ab 1911 war er als Abteilungsvorstand am 1. Öffentlichen Kinder-Krankeninstitut und ab 1923 als stellvertretender Direktor dieser Klinik tätig.

Während des 1. Weltkrieges leistete Friedjung Militärdienst an Spitälern in Wien, Bruck an der Leitha und an der Balkanfront, im Sommer 1917 leitete er einen Kindertransport von 300 Kindern nach Hallonal.
Am 4.5.1919 wurde er in den Niederösterreichischen Landtag gewählt und übernahm außerdem die Leitung des vom Verband der Genossenschaftskrankenkassen von Wien und Niederösterreich neu geschaffenen Kinderambulatoriums im 21. Bezirk.
1920 habilitierte er sich für Kinderheilkunde an der Universität Wien, unter anderem mit den Arbeiten „Die Pathologie des einzigen Kindes“ und „Erlebte Kinderheilkunde – eine Ergänzung der gebräuchlichen Lehrbücher“. Der Titel seines Probevortrages war „Erkrankungen des Kindesalters infolge eines schädlichen Milieus“.
1921 gründete er die Wiener Sozialdemokratische Ärztevereinigung. Unter seinem Vorsitz fand eine Tagung über „Schwangerschaftsunterbrechung und Bevölkerungspolitik“ statt.
Von 1921-1936 hielt Friedjung regelmäßig Vorlesungen an der Universität Wien, unter anderem zu dem Thema „Über Zusammenhänge von Erziehung und Erkrankungen des Kindesalters“, „Soziale Gesichtpunkte in der Kinderheilkunde“ und „Das normale und krankhafte Triebleben des Kindes“.
1923 bis 1934 arbeitete er im Stadtschulrat für Wien. Fast genau so lange (1924-1934) gehörte Friedjung dem Wiener Landtag und dem Wiener Gemeinderat an. Er war ein enger Mitarbeiter von Julius Tandler und überreichte 1924 Sigmund Freud den Ehrentitel „Bürger der Stadt Wien“.
Ab 1925 leitete er die Kinderambulanz der Arbeiterkrankenversicherungskasse in Wien–Ottakring.
Im April 1926 nahm er am 1. Allgemein ärztlichen Kongress für Psychotherapie in Baden-Baden teil.
1930 hielt er ein Referat am 4. Kongress der Weltliga für Sexualreform zu „Das Recht der Kinder“, ein Jahr darauf in Dresden auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde das Hauptreferat „Die Physiologie und Pathologie der kindlichen Sexualität“.
Im Februar 1934 wurde er als sozialdemokratischer Gemeinderat unter dem Verdacht, Chefarzt des Republikanischen Schutzbundes zu sein, verhaftet, und war insgesamt 10 Wochen im Gefangenenhaus und dann im Anhaltelager Wöllersdorf interniert. Interventionen aus dem Ausland führten zwar zu seiner Freilassung, er verlor aber sämtliche Ämter und Funktionen.
Wegen des Artikels „Das Urteil der Ärzte über den Gasschutz“ in der „Arbeiterzeitung“ wurde ein Disziplinarverfahren seitens der Universität eingeleitet, er wurde schuldig gesprochen und verlor 1936 seine Lehrbefugnis an der Universität Wien.
1938 emigrierte er auf Vermittlung der Jewish Agency nach Haifa, Palästina. Sein Sohn Bruno war bereits 1934 aus politischen Gründen emigriert, der ältere Sohn Walter war 11 Monate in den KZs Dachau und Buchenwald, konnte aber mit ausländischer Hilfe ebenfalls emigrieren.
In Haifa arbeitete Friedjung in der Einwanderungsbehörde für Kinder und Jugendliche, „Jugendaliyah“, wo er Kinder und Jugendliche betreute, die vor dem Faschismus in Europa nach Palästina emigriert waren.
Später war er als Ausbildner von Erziehern und Jungendleitern tätig, hatte auch eine psychoanalytische Praxis in Haifa und war aktives Mitglied von „Free Austrian Movement of Palestine“.
Im Dezember 1945 erkrankte seine Frau und starb im Jänner 1946. Friedjung wollte nach Kriegsende nach Wien zurückkehren, starb aber am 25. März 1946 an einem Herzinfarkt, laut Nachruf von Mosche Wulff (Moshe Woolf) am 20. Februar 1946.
(Sterbeort: Haifa, Palästina (nach Mülleitner); Tel Aviv, Palästina (nach Österr. Biograph. Lexikon, aeiou))

1956 wurde in Wien-Simmering die Friedjunggasse nach ihm benannt

Bibliografie:
Friedjung, Karl Josef
Friedjung, Karl Josef (1909): Die sexuelle Aufklärung der Kinder. Wien, Leipzig.
Friedjung, Karl Josef (1916): Erziehung der Eltern. Wien, Leipzig.
Friedjung, Karl Josef (1919): Die Pathologie des einzigen Kindes. Ergebnisse der inneren Medizin und Kinderheilkunde. Wien, Leipzig.
Friedjung, Karl Josef (1919): Erlebte Kinderheilkunde – eine Ergänzung der gebräuchlichen Lehrbücher. Wiesbaden.
Friedjung, Karl Josef (1922): Die geschlechtliche Aufklärung im Erziehungswerke. Ein Wegweiser für Eltern, Erzieher und Ärzte. Wien, Leipzig.
Friedjung, Karl Josef (1923): Sexualität des Kindes. Berlin.
Friedjung, Karl Josef (1924): A Dream of a Child of Six. IJP 5, 362-363.
Friedjung, Karl Josef (1927): Vom normalen und krankhaften Triebleben des Kindes. Wiener Klinische Wochenschrift.
Friedjung, Karl Josef (1930): Zur Frage des Kinderselbstmordes. Zeitschrift für Kinderforschung.
Friedjung, Karl Josef (1931): Die Fehlerziehung in der Pathologie des Kindes. Wien.

Sekundärliteratur, Quelle:
Mühlleitner, Elke (1992): Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Die Mitglieder der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft und der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1902-1938. Tübingen.
Bronner, Andrea (2008): Vienna Psychoanalytic Society. Wien.
Fallend, Karl (1995): Sonderlinge, Träumer, Sensitive. Wien.
Federn, Ernst (1977): Protokolle der WPV II 1908-1910. Frankfurt/Main.
Gröger, Helmut (1986): Kinderarzt, Politiker, Psychoanalytiker – zum 40. Todesjahr von Josef Karl Friedjung. Sigmund Freud House Bulletin 10/2, 21-29.
Gröger, Helmut (1988): Josef K. Friedjung. In: Stadler, Friedrich (Hg.): Vertriebene Vernunft II. Emigration und Exil österreichischer Wissenschaft. Wien, München, 819-826.
Handlbauer, Bernhard (2002): Die Freud-Adler Kontroverse. Gießen.
Hitschmann, Eduard (1931): Josef  K. Friedjung zum 60. Geburtstag. IZP 17, 419-420.
Mühlleitner, Elke (1992): Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Die Mitglieder der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft und der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1902-1938. Tübingen.
Wiesbauer, Elisabeth (1982): Das Kind als Objekt der Wissenschaft. Wien.
Woolf, Moshe (1946): Joseph K. Friedjung. IJP 27, 71-72.

Text: Sabine Zaufarek / 2008
Redaktion Christian Hbuer, 3.6.2010