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Tjark Kunstreich (2013): Ambivalentes Willkommen im Exil: Zu den Reaktionen in London und New York

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Sowohl in London als auch in New York, dem damaligen Zentrum der Psychoanalyse in den USA, gab es 1938 große Befürchtungen angesichts der Emigration fast der gesamten Wiener Psychoanalytischen Vereinigung  (WPV) – und diese Befürchtungen waren nicht unbegründet: In London gründeten sie in der Kontroverse zwischen Anna Freud und Melanie Klein, die 1927 als Streit um die Kinderanalyse begann und sich dann in den controversial discussions während des Krieges fortsetzte; in den USA fürchteten die Psychoanalytiker um ihre Integration in die Psychiatrie und wandten sich gegen die Laienanalyse – auch eine Kontroverse, die ihren Anfang in den zwanziger Jahren nahm. Anfang 1938 hatten sich beide Konflikte zugespitzt: In einem Austausch von Vorträgen zwischen London und Wien wurden tiefgreifende Unterschiede in den Konzeptionen deutlich – und was als Annäherung geplant war, offenbarte das Potential zur Spaltung. Die American Psychoanalytical Association (APSaA) ihrerseits war 1938 eigentlich entschlossen, sich von der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) zu trennen: Zu groß waren die Unterschiede zwischen europäischen und amerikanischen Qualifizierungsmodellen und zu unübersehbar die Widersprüche in Bezug auf das Gebiet der sogenannten „angewandten Psychoanalyse“ in nichtklinischen Feldern.  

Die politische Situation, vor deren Hintergrund sich diese Konflikte zuspitzten, war geprägt von dem immer aggressiveren Auftreten des nationalsozialistischen Deutschlands auf der einen und dem appeasement der deutschen Forderungen durch die europäischen Mächte auf der anderen Seite sowie durch die isolationistische Wendung der in der großen Depression befindlichen Vereinigten Staaten. Die schrittweise Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland stieß auf wenig internationalen Protest und korrespondierte mit dem Antisemitismus in vielen europäischen Ländern und den USA. Die Emigration der jüdischen Psychoanalytiker aus Deutschland erfolgte dementsprechend über Jahre, und sie emigrierten auch nicht als Gruppe – die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft sollte, zumindest formal, bis Ende 1938 fortbestehen. 1938 jedoch waren Illusionen über den Charakter des Nationalsozialismus kaum noch möglich. Auch wenn die Eskalation zur Vernichtung zu diesem Zeitpunkt nicht prognostizierbar war: die Ernsthaftigkeit der expansiven Pläne Hitlerdeutschlands und des ideologisches Fundaments waren nicht mehr zu leugnen. 

Weder die IPV noch einzelne Gesellschaften nahmen zu diesen Entwicklungen Stellung: Zum einen war dies Freuds Haltung geschuldet, die Psychoanalyse zu retten, indem man sich abstinent verhielt, zum anderen reflektierte sich in der Haltung der einzelnen Gesellschaften die jeweilige nationale Politik: Während die britische Gesellschaft emigrierte Mitglieder anderer Gesellschaften aufnahm – so wie es der vergleichsweise großzügigen Aufnahmepolitik des Lande entsprach –, verweigerten sich teilweise die Pariser, die niederländische und die amerikanische Gesellschaften dieser Politik, was wiederum zur Folge hatte, dass die IPV eine Direktmitgliedschaft einrichtete, die vor allem aus Deutschland geflohenen jüdischen Analytikern die organisatorische Anbindung ermöglichte, zumal einige von ihnen in Länder kamen, in denen es keine Gesellschaften gab. Die isolationistische Tendenz der offiziellen US-Politik fand sich also durchaus in der der APsA wieder, während die Auseinandersetzung um die Appeasement-Politik auch die Haltung der westeuropäischen Gesellschaften bestimmte.

Der sogenannte „Anschluss“ Österreichs ans Deutsche Reich kam daher nicht überraschend, aber dennoch plötzlich und warf alle bisherigen Pläne über den Haufen. An eine Fortsetzung der Austauschvorträge zwischen London und Wien war nun nicht mehr zu denken, stattdessen mussten sich alle Beteiligten darauf einstellen, sich unter einem Dach auseinanderzusetzen. Die ApsA stand vor der Entscheidung, entweder ihre Trennungspläne zu forcieren oder aber vorläufig auf Eis zu legen. In London wie in New York musste man einen Einbruch der äußeren Realität zur Kenntnis nehmen, der zwar nicht solche dramatischen Folgen hatte wie für die Mitglieder der WPV, die ihre Existenzgrundlage verloren hatten, aber dennoch eine grundlegende Veränderung mit unabsehbaren Folgen bedeuten würde. Ich möchte das im Folgenden zunächst für New York und dann für London kurz ausführen:

Die ApsA hatte im Dezember 1937 ein Special Committee on the Relation of the American Psychoanalytic Association to the International Psychoanalytic Association gegründet, dessen Aufgabe es sein sollte, die weitere Beziehung zur IPV zu gestalten. Grundlage war der Beschluss der Mitgliederversammlung, die weitgehende Autonomie der ApsA in allen Ausbildungsfragen zu erhalten und eigene professionelle Standards zu setzen. Das Ziel der ApsA war es, die IPV zu einer Organisation des wissenschaftlichen Austauschs ohne administrative Autorität zu machen. In einem Bericht an die Mitgliederversammlung der ApsA vom Juni 1938 vermerkt Lawrence Kubie, der Vorsitzende des Komitees: „Mitten in die Arbeit unseres Komitees kam die plötzliche Notlage, die aus der Annexion Österreichs entstand. Um mit dem grundlegenden Problem der Einwanderung umzugehen, hatte das Komitee zuvor schon die Gründung eines speziellen Subkomitees zur Einwanderung erwogen. Als diese Notsituation entstand, wurde aus diesem speziellen Subkomitee das Emergency Committee on Relief and Immigration, dessen getrennter Bericht diesem anliegt. Die Arbeit dieses Komitees wurde bis zu einem gewissen Grad dadurch irritiert und erschwert, dass es zu handeln beginnen musste, bevor die grundlegenden und vorbereitenden Schritte des übergeordneten Komitees abgeschlossen werden konnten.“ (2) Das am 13. März 1938, also auf den Tag genau zeitgleich zur Selbstauflösung der WPV gegründete Emergency Committee war also zunächst eine Arbeitsgruppe jenes Komitees, das eigentlich dafür zuständig war, die Trennung von der IPV zu vollziehen. Jene, die eigentlich Verbindungen lockern oder gar kappen sollten, waren nun zuständig für deren Intensivierung. In dem ersten von Kubie verfassten Bericht des Komitees vom Juni 1938 wird dieser Widerspruch offen benannt: „… einerseits behielt [das Komitee] seine ursprüngliche Aufgabe bei, zu versuchen, die Situation zu kontrollieren, die durch die Einwanderung von Analytikern entstanden ist, während es zugleich dringend notwendig geworden war, als wohltätige Einrichtung tätig zu werden, die unseren Kollegen in Europa hilft, in verschiedene Länder und verschiedene Teile dieses Landes zu emigrieren – ihnen Rat zu geben, finanzielle Unterstützung für sie zu finden, ihnen notwendige Informationen zukommen zu lassen, ihnen zu helfen, Arbeit zu finden, etc.“ (3)   

Die ApsA war 1938 ein vor allem an der Ostküste vertretener kleiner Dachverband verschiedener Institute mit sehr unterschiedlichen Ausrichtungen. 1938 zählte sie 140 Mitglieder, die Hälfte davon in New York – die dortige Vereinigung war also in etwa so groß wie die Wiener –, die andere in Boston, Washington/Baltimore und Chicago, es existierten study groups in Los Angeles, Topeka und Philadelphia; unter ihnen waren 17 Emigranten aus Deutschland und Österreich (4). Die Emigration aus Europa zwang die ApsA zu einem Spagat zwischen Hilfe und Abgrenzung. So ist in dem von Kubie verfassten Bericht über die Arbeit des Komitees die Rede von der „traditionellen isolationistischen Politik dieser Gruppe [sic – gemeint ist die WPV], ihrer alten Antipathie gegen die medizinische Welt und der Feindschaft gegen Amerika, die sich aus vielen Gründen immer weiter verschärft hat, von denen einige alt und historisch sind, andere eher aktuell. Diese Erwägungen gaben Anlass zu Befürchtungen (die sich in einigen Fällen zu einer Panik steigerten) in Bezug auf den möglichen Einfluss des massenhaften Zustroms von europäischen Analytikern auf die Psychoanalyse in diesem Land.“ (5)  Kubie lässt seine Enttäuschung über die Reaktion vieler Mitglieder in diesen Worten durchklingen.

Massenhaft klingt ein wenig übertrieben; in dem Bericht nennt Kubie folgende Zahlen: So sei zuerst von 75 Psychoanalytikern ausgegangen worden, die unter Umständen in die USA kommen könnten. Bei 20 von ihnen habe sich schnell herausgestellt, dass sie entweder nicht zu emigrieren gezwungen seien oder schon ein anderes Aufnahmeland gefunden hätten. 15 Personen kamen nicht in Frage, weil sie nicht österreichische Staatsbürger waren, sondern aus osteuropäischen Staaten kamen, deren Einreisequoten in die Vereinigten Staaten zum Teil schon auf Jahre hinaus erreicht worden waren. Es blieben im Juni 1938 noch etwa 40 potentielle Einwanderer übrig, von denen knapp 30 ausgebildete Psychiater waren, 7 Ärzte, die inmitten ihrer Ausbildung steckten, sowie 6 Laienanalytiker. 

Vor allem die Angst der amerikanischen Psychoanalytiker, ihre mühsam errungene Reputation durch nichtmedizinische Laienanalytiker zu verlieren, löste jene Panik aus, von der im Bericht die Rede ist. Die Tatsache, dass die ApsA noch sehr klein war, dürfte diese Panik eher verstärkt haben: Immerhin ging es hier um eine wirklich große Gruppe. Und anders als vielfach kolportiert, war die Psychoanalyse in den USA immer schon eine Domäne der Psychiatrie; sie musste ihr nicht erst einverleibt werden. Im Übrigen gab es selbstverständlich Laienanalytiker – sie hießen aber nicht so, sie waren beispielsweise psychoanalytisch ausgebildete klinische Sozialarbeiterinnen, die Otto Ranks case work praktizierten. Weil es in den USA traditionell kaum staatlich anerkannte Ausbildungen gibt, sind die Berufsverbände für die Anerkennung und die Wahrung professioneller Standards zuständig. Die ApsA wachte über die klinische Psychoanalyse nicht nur, um ihre Pfründe zu verteidigen, sondern auch, um Kurpfuscherei zu verhindern. Mit der Ankunft der europäischen Analytiker, die als Laien bezeichnet wurden, befürchtete man die Aufweichung dieser Standards. Selbst die Emigranten, die Mediziner waren, galten, bis sie in den USA approbiert waren, als Laien.

Um dem „massenhaften Zustrom“ Herr zu werden, verfasste das Emergency Committee Ende April 1938 ein Informationsbulletin für Psychoanalytiker, die in die USA auswandern wollten – das für Empörung unter den kontinentaleuropäischen Analytikern sorgte. Dieses Papier diente der Abschreckung und sorgte für Verwirrung, denn das Komitee unterschied nicht deutlich genug zwischen den Anforderungen, die seitens der Behörden an potentielle Einwanderer gestellt wurden, und jenen, die die APsA an die Mitgliedschaft stellte. Laienanalytikern wurde eine „Ehrenmitgliedschaft“ unter der Bedingung angeboten, dass sie keine psychoanalytische Praxis eröffnen – insbesondere wurde die bis dahin nicht rechtlich geregelte Kinderanalyse erwähnt. In einem Brief an Ernest Jones griff Franz Alexander in seiner Funktion als APsA-Präsident die Frage der Laienanalyse auf. Er dankte Jones für sein Engagement für die Wiener, insbesondere für die Familie Freud, und bedauert, dass „die Laienfrage uns bis zu einem bestimmten Grad die Hände bindet.“ (6) In der Folge dieser unnachgiebigen Haltung gab es keine einheitliche Lösung für die Emigranten, ob sie nun Laien oder Mediziner waren, weder, was die Mitgliedschaft noch die Möglichkeit, klinisch tätig zu sein, anging. Es entstand eine Grauzone – und damit genau das, was die APsA zu verhindern suchte. Als August Aichhorn nach dem Krieg als Nichtmediziner Probleme hatte, in Wien psychotherapeutisch-psychoanalytisch arbeiten zu können, schrieb ihm Eissler aus den USA: „Nun wollte ich Dich fragen ob nicht einige Leute hier an das Wiener Gesundheitsamt schreiben sollen + sie aufmerksam machen sollen dass hier einen besonderen merkwürdigen Eindruck macht wenn sie Dir Schwierigkeiten machen da hier im Staate N[ew] Y[ork] + auch sonst wo jeder, der will, Psychoanalyse ausüben darf. Er kann nicht Mitglied der Vereinigung werden oder zumindest nicht notwendiger Weise, aber der Staat oder die Gemeinde greifen natürlich nicht ein.“ (7)

Die Emigranten ihrerseits passten sich 1938 nicht widerstandslos an, hatten aber zumeist keine Wahl. Es überwog, wie Eissler betonte, die Dankbarkeit, eine Lebensperspektive zu haben. Letztlich wurden zahlreiche, meist individuelle Kompromisse geschlossen, die den Nichtmedizinern ihr Auskommen sicherten. Die amerikanische Psychoanalyse profitierte von den Emigranten und begann zu expandieren, auch weil, um Konkurrenz zu vermeiden, die Emigranten in Gegenden angesiedelt wurden, in denen es noch keine Institute gab. Otto Fenichel zum Beispiel ging nach Los Angeles, Siegfried Bernfeld, ein Pionier der psychoanalytischen Pädagogik, nach San Francisco. 1939 zählte die APsA 183 Mitglieder, davon 29 Emigranten. Ihr Einfluss stieg stetig, in dem Maße, wie sie ihre Modelle an die amerikanischen Verhältnisse anpassten.

Das Beispiel des New York Psychoanalytic Society and Institute macht diese sehr amerikanische Erfolgsgeschichte deutlich, wie die Archivarin der New Yorker Vereinigung, Nellie Thompson, referiert: „1937 hatte sie 71 Mitglieder, von denen 5 Emigranten waren, und sie war die größte psychoanalytische Gesellschaft des Landes. Ein Jahrzehnt später, 1948, waren von den 152 Mitglieder 51, also ein Drittel, Emigranten. Als vor einem halben Jahrhundert, 1961, die New Yorker Gesellschaft ihr 50 jähriges Bestehen beging, waren alle Funktionsträger des Instituts Emigranten (Präsidentin: Annie Reich; Vizepräsidentin: Annemarie Weil; Sekretär: Nicholas Young; Kassierin: Dora Hartmann), ebenso wie der Vorsitzende des Lehrausschusses (Robert Bak) und neun seiner siebzehn Mitglieder. Die Hälfte der Emigranten waren ursprünglich Mitglieder der WPV. So wurde New York das Zuhause für etwas mehr als die Hälfte der 48 WPV-Mitglieder, die in die Vereinigten Staaten kamen.“ (8)

Die Situation in London war eine andere: Während ich für die USA davon sprechen möchte, dass die Differenzen auf einer formalen und autoritativen Ebene ausgetragen wurden, standen in der British Psycho-Analytic Society die inhaltlichen Fragen im Vordergrund. Die britische Gesellschaft hatte nach IPV-Angaben 1937 45 ordentliche und 27 außerordentliche Mitglieder; soweit mir nachvollziehbar, waren unter ihnen nur wenige Emigranten, etwa S.H. Fuchs (der sich zu der Zeit noch so nennt), Paula Heimann, Kate Friedländer, Hilde Maas, Eva Rosenfeld, Franz Cohn und Hans Thorner. (9) In der Liste von 1939 hat BPAS 66 ordentliche und 26 außerordentliche Mitglieder: die schon Genannten mitgezählt, sind 20 der ordentlichen Mitglieder und 3 der außerordentlichen Mitglieder nun Emigranten. (10) Der Mitgliederzuwachs innerhalb von zwei Jahren war zu einem Großteil der Zuwanderung aus Wien zu verdanken. Viele von ihnen sind dann später in die Vereinigten Staaten ausgewandert.

Anfang 1938 waren Anna Freud und Ernest Jones in ihrem Briefwechsel mit den Absichten der APsA befasst, die sich im Vorfeld des 15. IPV-Kongresses im August 1938 in Paris zu konkretisieren begonnen hatten. Anna Freud ist pessimistisch, was eine Einigung angeht, während Jones sie zu beschwichtigen versucht. Mitte Januar begleitet sie ihren Vater ins Krankenhaus, von wo sie am 25. Januar an Jones auch über dessen Gesundheitszustand schreibt. Der Brief beginnt mit dem Satz: „Mein Pessimismus im letzten Brief war nicht ganz unberechtigt.“ (11) In diesem Brief fragt sie unter anderem nach dem Fortgang der Austauschvorträge: „Wie steht es mit den Austauschvorträgen? Von unserer Seite war ja als nächster Bibring in Aussicht genommen, aber durch die Absage von Frau Klein und das Einschieben von Kris ist alles etwas in Unordnung geraten. Ist es jetzt an uns, etwas zu tun oder sollen wir auf den nächsten Schritt von Deiner Seite warten?“ (12)

Die Austauschvorträge waren auf Anregung von Jones zustande gekommen, der im April 1935 in der WPV „Über die Frühstadien der weiblichen Sexualentwicklung“ gesprochen hatte. Robert Wälder referierte im November 1935 über „Problems in Ego-Psychology“ in London, und im Mai 1936 kam Joan Riviere nach Wien, um „Zur Genese des psychischen Konfliktes im frühen Lebensalter“ zu sprechen. Melanie Klein musste einen angekündigten Vortrag in Wien 1937 krankheitsbedingt absagen. Im Januar hielten Ernst Kris und Otto Fenichel Vorträge in London, die zwar nicht Bestandteil des Austauschs waren, aber aufgrund der Position und Herkunft der Vortragenden dazu gehörten. Eine inhaltliche Annäherung fand nicht statt, im Gegenteil: tendenziell wurden kaum zu überbrückende Unterschiede deutlich. Zum einen ging es um die Frühstadien der Ich-Entwicklung und die Entstehung des Unbewussten, zum anderen um Fragen der Technik. (13) Ohne hier weiter darauf eingehen zu wollen: Selbstverständlich spielte diese Kontroverse in den Diskussionen der britischen Vereinigung über die Aufnahme der Wiener Analytiker eine wichtige Rolle – auch wenn die Konfrontation, die einige Jahre später erfolgen sollte, in dieser Form nicht absehbar war.

Unmittelbar nach dem „Anschluss“ beginnt ein intensiver Austausch zwischen Anna Freud und Jones über die Emigration. Schon am 3. April, drei Wochen danach, schreibt sie: „Eine praktische Frage: haben unsere ‚professionals’ von hier aus noch irgendetwas zu tun, um in Dover keine Schwierigkeiten zu haben?“ (14) Dieser Brief Anna Freuds ist von der Hoffnung getragen, die Emigration möge schnell gehen; sie schreibt, sie studiere schon den Stadtplan von London – die Ausreise der Familie Freud sollte noch drei Monate herausgezögert werden.
In einem nichtdatierten Brief von Jones an Anna Freud (15), fordert dieser sie auf, eine Liste der Kandidaten der WPV zu schicken. Er instruiert sie, dass niemand nach England reist, ohne ihm einige Tage vorher Bescheid zu geben, damit er das Innenministerium informieren kann. Jemand solle außerdem die Wünsche der Kollegen und Kandidaten aufschreiben und sie ihm gesammelt zuschicken, damit sie nicht einzeln reintröpfeln. Zwei Kandidaten seien schon eingetroffen, aber Jones könne ihnen nicht sagen, ob sie akzeptiert werden, bis nicht eine vollständige Liste vorläge, damit eine Auswahl getroffen werden könne. In London, so Jones, gebe es schon für die vorhandenen Analytiker kaum ein Auskommen, deswegen würden nur acht akzeptiert werden: Anna Freud und ihr Vater, Dorothy Burlingham, Eduard Hitschmann, das Ehepaar Kris und entweder die Bibrings oder die Hoffers, je nachdem wozu diese sich entscheiden wollten. Hier war offenbar schon von den Londonern eine Vorauswahl getroffen worden, wer für sie akzeptabel sei. Außerdem kämen Edinburgh, Glasgow, Manchester, Bristol, Oxford und Cambridge für Niederlassungen in Frage. Genehmigungen gebe es bereits für Dr. Schur und Dr. Stross, als Ärzte in London zu arbeiten, außerdem lägen schon für Kris, Bibring, Hoffer und Hitschmann Arbeitserlaubnisse vor, um Psychoanalyse zu praktizieren.
Die britische Gesellschaft habe außerdem mehrere Sitzungen ihrer Gremien über das Thema der Zuwanderung abgehalten: Die Stimmung gehe dahin, jüngere Kollegen zu favorisieren, die es einfacher hätten, sich anzupassen. Es gebe natürlich eine Präferenz für solche Mitglieder, von denen man denke, dass eine harmonische Zusammenarbeit in der britischen Gesellschaft möglich sei, und die eine Chance hätten, sich den englischen Lebensgewohnheiten zu assimilieren. Jones schreibt: „Ich bin sicher, dass einige Leute besser zu England als zu Amerika passen und umgekehrt.“ (16) Dann wird er konkret: das Ehepaar Lampl-de Groot sei unerwünscht, insbesondere Hans Lampl. Beide hätten auch die Möglichkeit, sich in Holland niederzulassen, und es sei unfair, sie anderen Kollegen, die bedürftiger seien, vorzuziehen: Er sehe keine Chance angesichts der einheitlichen Ablehnung seiner Gesellschaft, für sie ein permit zu beantragen. Sogar noch deutlicher sei der Eindruck, dass die Wälders weder willens seien, in der britischen Gesellschaft harmonisch mitzuarbeiten, noch in der Lage wären, sich in England anzupassen; sie würden wenig Unterstützung bekommen und große Schwierigkeiten haben, Arbeit zu finden. Für sie schlägt Jones Boston oder Belgien vor, und falls es gar nicht anders ginge, Manchester oder Glasgow. Die Namen Sterba und Isakower hingegen seien auf positive Resonanz gestoßen. Am Ende mahnt Jones noch einmal an, dass die Liste so schnell wie möglich vervollständigt werden sollte, damit niemand zu früh oder zu spät käme und unfair behandelt würde.

Dieser Brief vermittelt zweierlei: Zum einen die Anspannung, die angesichts der Situation sehr verständlich scheint, zum anderen aber auch den Willen, sich das Heft nicht aus der Hand nehmen zu lassen und so viel Einfluss wie möglich in einer unübersichtlichen Lage zu behalten. Dass es in wenigen Wochen gelungen war, Einreise- und Arbeitsgenehmigungen für eine Reihe Wiener Analytiker zu bekommen, aber zugleich auch Entscheidungen gefallen sind, wer in der britischen Vereinigung willkommen ist und wer nicht, lässt darauf schließen, dass Jones vielerlei Interessen – darunter seine eigenen – zu berücksichtigen hatte. Dass die britische Vereinigung nicht einheitlich Jones’ Kurs unterstützte, wurde durch einen Besuch von John Rickman Mitte April 1938 in Wien deutlich, von dem Anna Freud Jones berichtet: „Rickman ist vorgestern nach Ungarn weitergefahren. Die drei Tage seines Hierseins waren wohl die schwierigsten in dieser ganzen Zeit […] Ich bin mir, trotz stundenlanger Gespräche mit ihm auch jetzt noch nicht klar darüber, wie weit er in Deinem Auftrag gesprochen und gehandelt hat oder wie weit er einen andere Seite der Vereinigung vertritt. Du erinnerst Dich, daß ich Dich mehrmals hier gefragt habe, ob es Dir doch nicht leid ist, daß Du den Gedanken ‚England’ hier aufgebracht hast; Du hast immer gesagt, daß Du es nicht bereust. R[ickman] hat jedenfalls in aller Deutlichkeit gezeigt, daß ein großer Teil der Gruppe anders denkt, d.h. abgesehen von einer großen Hilfsbereitschaft für Notleidende.“ (17) Mit der anderen Seite der Vereinigung ist wohl die Gruppe um Melanie Klein gemeint, deren Analysand Rickman zu dieser Zeit war. Ob Anna Freud vor diesem Hintergrund Rickmans Besuch als so verstörend bewertet oder aufgrund von dessen Verhalten, kann ich nicht beurteilen, auch nicht inwieweit Rickman tatsächlich im Auftrag von Jones oder der britischen Vereinigung nach Wien und Budapest gereist war. In einem Brief, der sich mit dem von Anna Freud kreuzt, meint Jones jedenfalls: „Was meine persönliche Allmacht angeht, wirst du natürlich einsehen, dass ich, wenn ich die Haltung meiner britischen Kollegen ignorieren würde, jede Macht verlöre, mein Ziel zu erreichen, die größtmögliche Harmonie zwischen uns und den Neuankömmlingen zu stiften und deren zukünftiges Leben so erfolgreich und glücklich wie möglich zu machen. Dass es in der Vergangenheit hier eine gewisse Vernachlässigung der Arbeit gab, die in den vergangenen Jahren in Wien geleistet wurde, ist eben so wahr wie das Gegenteil: daher die Austauschvorträge.“ (18)

Um einen Eindruck vom Verlauf dieses Briefwechsels im Frühjahr 1938 zu vermitteln, möchte ich aus einem Brief von Anna Freud zitieren, den sie zwei Tage nach dem über Rickman geschrieben hat. Immer mehr treten einzelne Schicksale in den Vordergrund, und da die Korrespondenz nicht vollständig archiviert ist, ist nicht immer nachvollziehbar, ob und was Jones bzw. Anna Freud antwortete. In einem Brief vom 22. April 1938 (ich sage hier bewusst: einem, da wir nicht wissen, ob sie an diesem Tag noch andere Briefe an Jones schrieb; auch wissen wir nicht, ob dieser Brief die Fortsetzung des von mir zitierten oder eines anderen dazwischen geschriebenen Briefes ist) schreibt Anna Freud über Ludwig Eidelberg: „Erinnerst Du Dich an unser Mitglied Dr. Eidelberg? Er ist bisher bei den verschiedenen Plänen nicht vorgekommen, denn er hatte eine junge Frau, die an einem Brustkrebs erkrankt und im letzten Stadium ihrer Krankheit war. Vorgestern war ihre Beerdigung und heute war er bei mir, um seine Zukunft zu besprechen.“ (19) Sie schließt den Brief: „Meine Briefe kommen jetzt in Fortsetzungen, so wie die Dinge eben auftauchen.“ (20) Unter einer Korrespondenz verstehen wir ja im Allgemeinen, dass jemand einen Brief schreibt und der Angeschriebene antwortet und dann geht es hin und her – unter dem Druck der Verhältnisse 1938 wurde dieses Prinzip jedoch außer Kraft gesetzt. Das Durcheinander dieser wechselseitigen Fortsetzungen kann zwar im Nachhinein geordnet werden, dadurch aber geht das chaotische Moment unter und damit wird auch das Chaos im Nachhinein geordneter als es war, als die beiden Korrespondenten versuchten, den Überblick zu behalten. (21)

Am 25. April antwortet Jones schließlich auf den Brief Anna Freuds: Es tue ihm leid, dass er sie nicht vor Rickman gewarnt habe, von dem er aber auch nicht angenommen habe, dass er sich so „dumm und grausam“ verhalte. Rickman habe keinen Auftrag gehabt, im Namen der britischen Vereinigung zu sprechen. Was ihre Sorgen anginge, so wiederholt Jones, sei das einzig Wahre an dem, was Rickman gesagt habe, dass die Arbeit der Wiener in London so unbekannt sei wie umgekehrt; dass „Mrs. Riviere eine unversöhnliche Feindin von allem und jedem ist, was aus Wien kommt; dass die meisten Mitglieder voreingenommen gegen das Wort ‚pädagogisch’ sind, aber offen für eine Diskussion und Überzeugungsarbeit; dass Mrs. Klein und vielleicht zwei oder drei andere beunruhigt sind, dass der Zustrom aus Wien ihre Schwierigkeiten vergrößern könnte, ihre Sichtweisen durchzusetzen. Nichts davon ist neu für dich, denn entweder weißt du es selbst oder ich habe es dir gesagt. Und das ist nicht alles: Mrs. Klein selbst ist eine sehr freundliche und menschliche Persönlichkeit, von der ich hoffe, dass du sie schätzen wirst.“ (22) Implizit beschreibt Jones nun doch die Schwierigkeiten in der britischen Vereinigung und bestätigt damit auch, was Rickman Anna Freud offenbar vermittelt hatte. Auf ihre Frage, ob er es nicht leid ist, die Wiener nach England zu holen, versichert Jones Anna Freud, dass er nicht einen Moment des Bedauerns empfunden habe und voller Vertrauen in die Zukunft blicke – und fordert dieses Vertrauen auch von Anna Freud ein. Er räumt ein, dass er ein bisschen verwundert gewesen sei, dass sie überhaupt habe glauben können, dass Rickman in seinem Auftrag gekommen sei. (23)

Ab Ende April 1938 drehte sich der Briefwechsel um einzelne Personen, Kandidaten und Mitglieder der WPV, aber auch einige andere. Bei einigen ging es darum, ihren Status zu klären, bei anderen herauszufinden, wohin sie gehen können. Jones schreibt am 29. April, dass es für viele besser sei, in die USA zu gehen, weil es für Ausländer in England sehr viel schwieriger sei, Arbeit zu bekommen. Großbritannien hatte allein im Jahr 1938 40.000 Flüchtlinge aufgenommen. (24) Obwohl Jones Thedor Reik nicht in London haben wollte – immerhin war das Kurpfuscherei-Verfahren gegen ihn Mitte der zwanziger Jahre der Anlass für die Kontroverse um die Laienanalyse – unterstützt er ihn dabei, in den USA eine Arbeit zu finden. Wegen Robert Wälder wendet sich Jones an Max Horkheimer, um ihn am New Yorker Institute for Social Research unterzubringen. Am 15. Mai schreibt Anna Freud erleichtert, dass die Kris’ und Bibrings abgereist seien und am kommenden Tag die Wälders fahren. Hoffers und Hartmanns hätten ihre Pässe und warteten nur noch auf Bestätigung der Reichsfluchtsteuer.

Der englische Psychoanalytiker und Historiker Riccardo Steiner spricht von etwa 700 Personen, die in den Jahren zwischen 1933 und 1940 mit der Emigration der jüdischen Psychoanalytiker aus Deutschland und Österreich befasst waren, die Emigranten mit eingeschlossen. (25) Das ist nur ein verschwindend geringer Anteil der Fluchtbewegungen jener Zeit. Die aus heutiger Sicht beinahe kalt anmutende Realpolitik von Ernest Jones und Anna Freud war in vielen Fällen erfolgreich.

(1) Vortrag am 29. 11. 2013 zur Veranstaltung der WPV „Wir sind nicht mehr ganz hier und noch nicht dort.“ Im Gedenken an die Liquidierung der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung vor 75 Jahren und die Vertreibung, Verfolgung, Ermordung und Emigration ihrer jüdischen Mitglieder.

(2) Lawrence S. Kubie: Report of the Special Committee on the Relation of the American Psychoanalytic Association to the International Psychoanalytic Association. Undatiertes Typoskript (Quelle: via T. Aichhorn). Eigene Übersetzung.
(3) Lawrence S. Kubie: Emergency Commitee on Relief and Immigration, Report to the Council on Professional Training and to the General Session of the American Psychoanalytik Association in Chicago, June 2nd and 3rd, 1938. Undatiertes Typoskript (Quelle: via T. Aichhorn). Eigene Übersetzung.
(4) Auch Mitglieder der WPV emigrierten schon vor 1938 in die USA: Hermann Nunberg 1933 nach Philadelphia, dann New York; Siegried Bernfeld 1934 zunächst nach Frankreich, 1937 nach San Franciso; Helene Deutsch 1935, ihr Mann Felix 1936 nach Boston – alle, weil sie sich wegen ihres politischen (sozialdemokratischen) Engagements und als Juden nicht mehr sicher fühlten. Nunberg versuchte schon 1934, Freud zur Emigration zu bewegen.
(5) Wie Fn. 3. Eigene Übersetzung.
(6) Franz Alexander an Ernest Jones, 28.5.1938 (Quelle: via T. Aichhorn). Eigene Übersetzung.
(7) K. R. Eissler an A. Aichhorn, Brief vom 25. 2. 1948. Original: Nachlass A. Aichhorn.
(8) Nelly S. Thompson: The Transformation of Psychoanalysis in America : Emigré Analysts and the New York Psychoanalytic Society and Institute, 1935 −1961. In: Journal of the American Psychoanalytic Association 1/2012, S. 9 – 44, hier S. 23. Eigene Übersetzung.
(9) Vgl. Mitgliederverzeichnis der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. In: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XXIII (1937), S. 582 – 596.
(10) Vgl. List of Members of the International Psychoanalytic Association. In: International Journal of Psycho-Analysis 20 (1939), S. 498 – 515.
(11) Anna Freud an Ernest Jones, 25.1.1938. Die Originale des Briefwechsels liegen im Archiv der British Psycho-Analytic Society.
(12) Ebd.
(13) Vgl. Thomas Aichhorn: “Mrs. Klein herself is a very kind and human personality whom I hope you will learn to appreciate.” In: C. Diercks/S. Schlüter (Hg.): Die großen Kontroversen. Sigmund-Freud-Vorlesungen 2007. Wien 2009 (mandelbaum), S. 284 – 297.
(14) Anna Freud an Ernest Jones, 3.4.1938.
(15) Ernest Jones an Anna Freud, undatierter Durchschlag.
(16) Ebd.
(17) Anna Freud an Ernest Jones, 20.4.1938.
(18) Ernest Jones an Anna Freud, 20.4.1938.
(19) Anna Freud an Ernest Jones, 22.4.1938.
(29) Ebd.
(21) Vgl. Riccardo Steiner: „Es ist eine neue Art von Diaspora“ - Bemerkungen zur Emigrationspolitik gegenüber deutschen und österreichischen Psychoanalytikern während der Verfolgung durch die Nationalsozialisten auf der Grundlage des Briefwechsels zwischen Anna Freud und Ernest Jones sowie anderer Dokumente. In: Psyche 48 (1994), S. 583 – 652.   
(22) Ernest Jones an Anna Freud, 25.4.1938.
(23) Vgl. Thomas Aichhorn: “… Seen from Vienna everything seemed to be different”. Vortrag im Rahmen der 21th Annual EPF Conference in Vienna 2008. Panel: The Tragic-Success in the psychoanalytic movement - Emigration from Europe, 14.3.2008 (Vortragsmanuskript).
(24) Vgl. Riccardo Steiner: „In all questions, my interest is not in the individual people but in the analytic movement as a whole. It will be hard enough here in Europe in the times to come to keep it going. After all, we are just a handful of people who really have that in mind …“. In: Int J Psychoanal 92 (2011), S. 505 – 591, hier S. 566.
(25) Wie Fn. 21, S. 590.