Martin Freud - Biographie von Sabine Zaufarek

Jean Martin Freud wurde am 7. Dezember 1889 in Wien als ältester Sohn und zweites Kind von Sigmund und Martha Freud geboren. Seine Vornamen erhielt er im Andenken an Jean-Martin Charcot, gerufen wurde er allerdings nur Martin. Er erhielt bis auf die letzte Klasse Volksschule Privatunterricht. Als er vorzeitig aus der Schule genommen wurde, weil die Familie in die Ferien wollte, hielt er am Pult des Lehrers eine Ansprache, wobei er sich beim Lehrer bedankte, der zu ihm anschließend sagte: „Freud, ich wünsche Dir, dass Du immer so bleibst, wie Du jetzt bist.“
In seinen Erinnerungen gibt Martin Freud anekdotenreiche Einblicke in das Privatleben der Familie Freud, u.a. beschreibt er den täglichen Ablauf des gemeinsamen Mittagessens, das um 13:00 Uhr eingenommen wurde und die Hauptmahlzeit des Tages im Haus war: Es gab für gewöhnlich Suppe, Fleisch mit Gemüse und Dessert.
Die Eltern bestanden auf soviel frischer Luft und Bewegung für die Kinder wie nur möglich.
Sigmund Freud überließ die Erziehung seiner Kinder nahezu vollständig den Händen seiner Frau.
In den Augen seiner Mutter war Martin das schwarze Schaf der Familie, er geriet durch seinen Übermut öfters in Schwierigkeiten und wurde dann vom Vater „gerettet“. Als sich Martin, an einem zwischen die Türrahmen gespannten Trapez kopfüber schaukelnd, den Kopf an einem Möbelstück aufgeschlagen und „ziemlich ernsthaft verletzt“ hatte, habe seine Mutter Martha nur kurz und seelenruhig von ihrer Näharbeit aufgeblickt. Ohne Geschrei und Hast bat sie das Kindermädchen, einen Arzt zu rufen. Der Vorfall hatte bei ihr keine sichtbaren Anzeichen von Aufregung oder gar Panik ausgelöst.
Martin Freud besuchte das humanistische k.k. Maximiliansgymnasium, in dem einer seiner Mitschüler der spätere Psychoanalytiker Hans Lampl war und wo er 1908 mit Auszeichnung maturierte.
Die Eltern von Martin schätzten schulische Leistungen ohne übergroßen Wert darauf zu legen, sowie gutes Benehmen, schlossen aber Späße und Ausgelassenheit nicht aus.
Martin verfasste in seiner Kindheit und Schulzeit Gedichte, die Sigmund Freud stolz an zahlreiche Freunde schickte.
Neben den Erinnerungen Martin Freuds sind die Gespräche, die der Journalist Detlef Berthelsen mit Paula Fichtl, der Haushälterin der Familie Freud führte, und in dem Buch „Alltag bei Familie Freud“ aufzeichnete, eine weitere Quelle für das Alltagsleben der Familie. Unter anderem wird darin von einem Streich berichtet, den Paula Fichtl gemeinsam mit Martin ausheckte: Martin besorgte sich beim Trödler einen Schlapphut, eine dunkle Brille, einen weiten Mantel und einen Theaterbart, „der dem Herrn Martin bis auf die Brust hing“, dazu eine Visitenkarte, auf der Name und Titel sowie „Astrologie und Psychoanalyse“ gedruckt waren. Zu einem verabredeten Zeitpunkt klingelte Martin an der Wohnungstür; Paula sollte aufgeregt mit der Visitenkarte zum Hausherren laufen und so tun, als ließe sich der Besucher nicht abweisen. Als Freud die Karte las, fuhr er hoch: „Um alles in der Welt, Paula, halten Sie mir den Mann vom Leib!“ Aber Martin Freud stand schon in der Tür des Arbeitszimmers und brummte mit tiefer Stimme: „Herr Professor, es gibt unter wissenschaftlichen Kollegen ein Mindestmaß an Höflichkeit…“ Weiter kam er nicht. Freud schaute Martin wütend an, sodass dieser ganz starr wurde. Erst als seine Schwester Anna Freud ins Zimmer geeilt kam, löste sich die Spannung: „Papa, dass ist doch der Martin“, sagte sie. Doch Freud war von diesem Scherz durchaus nicht angetan.
Nach der Matura besuchte Martin für ein paar Monate die Exportakademie in der Berggasse, wo sein Onkel Alexander als Professor unterrichtete.
Im Wintersemester 1908/09 inskribierte er an der Juridischen Fakultät der Universität Wien.
Nach Ausschreitungen zwischen jüdischen und deutschen Studenten wurde er Zionist und Mitglied der Kadimah, einer jüdischen Studentenverbindung, bei der sein Vater später Ehrenmitglied war. Nach einer antisemitischen Auseinandersetzung stellte er sich auch Duellen.
Im Jahre 1910 ging er während seines Studiums zum Militärdienst. Er diente als „Einjährig Freiwilliger“ in der kaiserlichen Artillerie.
1911 hatte Martin Freud, der passionierter Schiläufer war, einen ernsthaften Schiunfall auf dem Schneeberg.
1913 promovierte er an der Juridischen Fakultät und absolvierte nach dem Studium sein einjähriges Gerichtsjahr in Salzburg. Dort erlebte er den Ausbruch des 1. Weltkrieges und meldete sich in der 2. Kriegswoche freiwillig zum Militärdienst.
1915 wurde er als Korporal an die Front in Galizien und Russland geschickt.
Ein Jahr darauf war er als Leutnant an der italienischen Front. Allerdings wurde er beim Rückzug Kriegsgefangener der italienischen Armee und blieb bis August 1919 inhaftiert.
Am 7.12.1919 (seinem 30. Geburtstag) heiratete er Ernestine Drucker, die Tochter eines Wiener Rechtsanwaltes.
Sie war ausgebildete Logopädin und Lehrerin an der Wiener heilpädagogischen Schule sowie Lektorin an der Universität. Ihre gemeinsamen Kinder Anton Walter, am 3.4.1921 in Wien geboren, wurde nach Anton von Freund und Sophie, 1924 in Wien geboren, nach ihrer Tante benannt.
Martin Freuds Ersparnisse waren nach dem Krieg wertlos geworden und so arbeitete er von 1924-27 als Prokurist bei der Fides Treuhand-Bank. Daneben war er auch publizistisch tätig und veröffentlichte Artikel zu Wirtschaftsthemen in deutschen und österreichischen Zeitungen.
1933 absolvierte er seine Rechtsanwaltsprüfung.
Anfang der dreißiger Jahre hatte der Internationale Psychoanalytische Verlag große finanzielle Schwierigkeiten, weshalb Max Eitingon anregte, den damaligen Verlagsleiter Adolf Josef Storfer durch Martin Freud zu ersetzen, was schließlich auch geschah.Martin Freud begann eine umfassende Verlagssanierung, sodaß sich die ökonomische Situation sich wieder entspannte. Als Direktor des Internationalen Psychoanalytischen Verlags wurde Martin 1933 auch außerordentliches Mitglied der WPV.
1938, nach dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich, wurden sowohl die Vereinigung als auch der Verlag aufgelöst und das Verlagseigentum von der Gestapo beschlagnahmt. Martin Freud hatte einen Vorrat der „Gesammelten Schriften“ Sigmund Freuds vorsorglich in die Schweiz bringen lassen, die Nazis bestanden aber auf dem Rücktransport. Er wurde in dieser Causa auch von der Gestapo verhört.
Martin Freud gelang mit seiner Familie durch eine Einladung von Prinzessin Marie Bonaparte die Emigration über Paris nach England, wo er im Mai 1938 ankam und sich mit seinem Sohn in London niederließ. 1939 erschien sein Buch „Parole d’honneur“.
Während des 2. Weltkrieges war er Luftüberwacher des Pioneer Corps und wurde im Juni 1940 als „enemy alien“ interniert.
1941 wurde er außerordentliches Mitglied der British Psychoanalytical Society. Weiters war er Mitglied der Jewish State Party und der Jacob Ehrlich-Society in England.
1942 erfolgte die Trennung von Ernestine und Martin Freud. Ernestine emigrierte mit ihrer Tochter von Frankreich in die USA. Sophie wurde Sozialarbeiterin und lehrte in Boston. Sie hatte eine kritisch distanzierte Haltung dem Freudianismus gegenüber.
In England hatte Martin Schwierigkeiten, eine neue Beschäftigung zu finden, er arbeitete bei der Hafenwache, als Spitalsgehilfe, als reisender Buchsachverständiger und führte schließlich ein Tabakgeschäft.
Sein Erinnerungsbuch „Glory Reflected“ über seine Familie und Jugend in Wien vor 1938 erschien 1958.
Am 25.4.1967 starb Martin Freud in Hove (Sussex), England.

Bibliographie:
Freud Martin:
- (1939): Parole d’honneur. London.
- (1957): Glory rReflected. London.
- (1958): Sigmund Freud: Man and Father. New York.
- (1967): Who was Freud? In Fraenkel, Josef: The Jews of Austria. London, 197-211.
- (1999): Mein Vater Sigmund Freud. Heidelberg.

Sekundärliteratur:
Behling, Katja (2002): Martha Freud. Berlin.
Fichtl, Paula (1994): Alltag bei Familie Freud. Die Erinnerungen der Paula Fichtl. Düsseldorf, Wien.
Freud, Anton Walter (1991): Briefe an Elke Mühlleitner vom 6.8.1991 und 16.9.1991.
Freud, Ernst (Hg.) (1976): Freud. Sein Leben in Bildern und Texten. Frankfurt/Main.
Freud, Sophie (1989): Meine drei Mütter und andere Leidenschaften, Düsseldorf.
Freud, Sophie (1991): Gespräch mit Elke Mühlleitner am 19.6.1991 in Wien.
Gay, Peter (1999): Freud: eine Biographie für unsere Zeit. Frankfurt/Main.
Huber, Wolfgang (1977): Psychoanalyse in Österreich seit 1933. Wien, Salzburg.
Jones, Ernest (1962): Sigmund Freud. Leben und Werk. Band I, II, III. Bern. 1962
Mühlleitner, Elke (1992): Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Die Mitglieder der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft und der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1902-1938. Tübingen.
Roudinesco, Elisabeth (2004): Wörterbuch der Psychoanalyse. Wien.
Young-Bruehl, Elisabeth (1988): Anna Freud – Eine Biographie. Wien.

Text: Sabine Zaufarek, 2008
Redaktion: CD, 2008