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Sigmund Freud (1912)e: Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung

Sigmund Freud (1912)e:
Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung.
GW 8, S. 376-387

„Die technischen Regeln, die ich hier in Vorschlag bringe, haben sich mir aus der langjährigen eigenen Erfahrung ergeben, nachdem ich durch eigenen Schaden von der Verfolgung anderer Wege zurückgekommen war. Man wird leicht bemerken, daß sie sich, wenigstens viele von ihnen, zu einer einzigen Vorschrift zusammensetzen. Ich hoffe, daß ihre Berücksichtigung den analytisch tätigen Ärzten viel unnützen Aufwand ersparen und sie vor manchem Übersehen behüten wird; aber ich muß ausdrücklich sagen, diese Technik hat sich als die einzig zweckmäßige für meine Individualität ergeben; ich wage es nicht in Abrede zu stellen, daß eine ganz anders konstituierte ärztliche Persönlichkeit dazu gedrängt werden kann, eine andere Einstellung gegen den Kranken und gegen die zu lösende Aufgabe zu bevorzugen.“ (Freud 1912e, 376)

a) Dem Versuch, alles im Gedächtnis behalten setzt er das Prinzip der gleichschwebenden Aufmerksamkeit seitens des Analytikers und die psychoanalytische Grundrege seitens der Patienten entgegen: „allem, was man zu hören bekommt, die nämliche „gleichschwebende Aufmerksamkeit“, wie ich es schon einmal genannt habe, entgegenzubringen.“ (Freud, 1912e, 377)
„Die Regel für den Arzt läßt sich so aussprechen: Man halte alle bewussten Einwirkungen von seiner Merkfähigkeit ferne und überlasse sich völlig seinem „unbewußten Gedächtnisse“, oder rein technisch ausgedrückt: man höre zu und kümmere sich nicht darum, ob man sich etwas merke.
Was man auf diese Weise bei sich erreicht, genügt allen Anforderungen während der Behandlung. Jene Bestandteile des Materials, die sich bereits zu einem Zusammenhange fügen, werden für den Arzt auch bewußt verfügbar; das andere, noch zusammenhanglose, chaotisch ungeordnete, scheint zunächst versunken, taucht aber bereitwillig im Gedächtnisse auf, sobald der Analysierte etwas Neues vorbringt, womit es sich in Beziehung bringen und wodurch es sich fortsetzen kann.“ (Freud 1912e, 378)

b) Genaue Protokolle von analytischen Krankengeschichten leisten für Publikationen weniger, als man erwarte. „Sie gehören, streng genommen, jener Scheinexaktheit an, für welche uns die „moderne“ Psychiatrie manche auffällige Beispiele zur Verfügung stellt.“  (1912e, 379)

d) „Es ist zwar einer der Ruhmestitel der analytischen Arbeit, daß Forschung und Behandlung bei ihr zusammenfallen, aber die Technik, die der einen dient, widersetzt sich von einem gewissen Punkte an doch der anderen. Es ist nicht gut, einen Fall wissenschaftlich zu bearbeiten, solange seine Behandlung noch nicht abgeschlossen ist […]. Der Erfolg leidet in solchen  Fällen, die man von vornherein der wissenschaftlichen Verwertung bestimmt und nach deren Bedürfnissen behandelt; dagegen gelingen jene Fälle am besten, bei denen man wie absichtslos verfährt, sich von jeder Wendung überraschen läßt, und denen man immer wieder unbefangen und voraussetzungslos entgegentritt.“ (1912e, 380)

e) Freud empfiehlt, „sich während der psychoanalytischen Behandlung den Chirurgen zum Vorbild zu nehmen, der alle seine Affekte und selbst sein menschliches Mitleid beiseite drängt und seinen geistigen Kräften ein einziges Ziel setzt: die Operation so kunstgerecht als möglich zu vollziehen.“ (1912e, 380-381) 
Er warnt vor therapeutischem Ehrgeiz, mit dem man sich wehrlos gewissen Widerständen der  Patienten aussetze. „Die Rechfertigung dieser vom Analytiker zu fordernden Gefühlskälte liegt darin, daß sie für beide Teile die vorteilhaftesten Bedingungen schafft, für den Arzt die wünschenswerte Schonung seines eigenen Affektlebens, für den Kranken das größte Ausmaß an Hilfeleistung, das uns heute möglich ist.“ (Freud 1912e, 381)

f) „Sie wollen alle beim Arzte das Gegenstück zu der für den Analysierten aufgestellten „psychoanalytischen Grundregel“ schaffen. Wie der Analysierte alles mitteilen soll, was er in seiner Selbstbeobachtung erhascht, mit Hintanhaltung aller logischen und affektiven Einwendungen, die ihn bewegen wollen, eine Auswahl zu treffen,  so soll sich der Arzt in den Stand setzen, alles ihm Mitgeteilte für die Zwecke der Deutung, der Erkennung des verborgenen Unbewußten zu verwerten, ohne die vom Kranken aufgegebene Auswahl durch eine eigene Zensur zu ersetzen, in eine Formel gefaßt: er soll dem gebenden Unbewußten des Kranken sein eigenes Unbewußtes als empfangendes Organ zuwenden, sich auf den Analysierten einstellen, wie der Reciever des Telephons zum Teller eingestellt ist.“ (Freud, 1912e, 381)
Ein Arzt, der sich der Analyse bedienen will, „darf in sich selber keine Widerstände dulden, welche das von seinem Unbewußten Erkannte von seinem Bewusstsein abhalten, sonst würde er eine neue Art von Auswahl und Entstellung in die Analyse einführen, welche weit schädlicher wäre als die durch Anspannung seiner bewussten Aufmerksamkeit hervorgerufene.“ (Freud, 1912e, 382)
Er fordert von den Analytikern eine “psychoanalytische Purifizierung“, früher hätte er zur Analyse der eigenen Träume geraten, nun aber empfiehlt er das Vorgehen der Züricher Schule: jeder Analytiker sollte vorher sich selber einen Analyse zu unterziehen. Eine Analyse bei einem praktisch gesunden werde unabgeschlossen bleiben, aber durch Selbstanalyse fortgesetzt.

g) Er rät von einer affektiven Technik, bei der vertrauliche Mitteilungen des Analytikers über sich selber an den Patienten eine Gleichstellung ermögliche. „Allein im psychoanalytischen Verkehre läuft manches anders ab, als wir es nach den Voraussetzungen der Bewusstseinspsychologie erwarten dürfen.“ (Freud 1912e, 384)
Diese Technik nähere sich der Suggestion an, leiste für die Aufdeckung des Unbewußten nichts, mache die Kranken noch unfähiger, tiefe Widerstände zu überwinden, mache deren Unersättlichkeit rege, die dann die Analyse des Arztes interessanter fänden als die eigene.
 „Der Arzt soll undurchsichtig für den Analysierten sein und wie eine Spiegelplatte nichts anderes zeigen, als was ihm gezeigt wird. Es ist allerdings praktisch nichts dagegen zu sagen, wenn ein Psychotherapeut ein Stück Analyse mit einer Portion Suggestivbeeinflussung vermengt, um in kürzerer Zeit sichtbare Erfolge zu erzielen, wie es zum Beispiel in Anstalten notwendig wird, aber man darf verlangen, daß er selbst nicht im Zweifel darüber sei, was er vornehme, und daß er wisse, seine Methode sei nicht die der richtigen Psychoanalyse.“ (Freud 1912e, 384)

h) „Als Arzt muß man vor allem tolerant sein gegen die Schwäche des Kranken, muß sich bescheiden, auch einem nicht Vollwertigen ein Stück Leistungs- und Genußfähigkeit wiedergewonnen zu haben.“ (Freud 1912e, 385)
Erzieherische Tätigkeit ergebe sich von selbst, wenn einer freigewordenen Strebung neue Ziele zuzuweisen sei. Hohe Ziele scheitern an der begrenzten Sublimierungsfähigkeit der Kranken. „Drängt man sie übermäßig zur Sublimierung und schneidet ihnen die Triebbefriedigung ab, so macht man ihnen das Leben meist noch schwieriger, als sie es ohnehin empfinden.“ (Freud 1912e, 385)

i) Vorsicht und Zurückhaltung sind auch bei der intellektuellen Mitarbeit des Analysierten angebracht. Nicht über Leistung sondern über Einhaltung der Grundregel könne das Rätsel der Neurose gelöst werden.
„Am dringendsten möchte ich davor warnen, um die Zustimmung und Unterstützung von Eltern oder Angehörigen zu werben, indem man ihnen ein - einführendes oder tiefer gehendes - Werk unserer Literatur zu lesen gibt. […] Was die Behandlung der „Angehörigen“ betrifft, so gestehe ich meine völlige Ratlosigkeit ein und setze auf deren individuelle Behandlung überhaupt wenig Zutrauen.““ (Freud, 1912e, 386-387)
„Ich gebe der Hoffnung Ausdruck, daß die fortschreitende Erfahrung der Psychoanalytiker bald zu einer Einigung über die Fragen der Technik führen wird, wie man am zweckmäßigsten die Neurotiker behandeln solle.“ (Freud 1912e, 387)

 

Zusammenstellung, Redaktion CD, 2009