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Alfred Adler (1908): Sadismus in Leben und Neurose (Vortrag)

Vortrag am 3.6.1908 in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Diskussion.
Der Vortrag erschien unter dem Titel:
Alfred Adler (1908)“Der Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose“  in: Fortschritte der Medizin, Nr. 19, 1908.

Diskussion:
Aus den Protokollen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (Prot. 1, 382ff)

„Prof. Freud erinnert zunächst daran, dass er der Studie über die Minderwertigkeit der Organe voll zustimme. Adler sei rasch durch die Psychologie hindurchgegangen, um den Anschluß zur Medizin zu finden. Der heutige Vortrag bewege sich jedoch noch auf dem Grenzgebiet zwischen Psychischem und Somatischem: im Triebleben.
In den meisten Punkten sei er mit Adler einverstanden; aus einem ganz bestimmten Grunde: was Adler den Aggressionstrieb heiße, das sei unsere Libido.-
Es seien ihm zwei Verwechslungen vorzuwerfen: 1. wirft er den Aggressonstrieb mit Sadismus zusammen. (Sadismus sei eine besondere Form des Aggressionstriebs, der mit Schmerz zu tun habe.)
Ein Trieb ist das, was unruhig mach (ein unbefriedigtes Bedürfnis); im Trieb steckt: das Bedürfnis, die Lustmöglichkeit und etwas Aktives (die Libido).- Die Libido sei aber von der Lustmöglichkeit nicht zu trenne.
Auf dieser Basis werde auch Adlers Auffassung der Angst klar; die Angst fassen wir auf als eine Phase der unbefriedigten Libido, bei Adler ist sie eine Phase des verwandten, gegen die eigenen Person gerichteten Aggressionstriebes. […]“
„Federn hebt dem Professor gegenüber hervor, dass es Adlers Intentionen nicht entspreche, „Aggressionstrieb“ durch „Libido“ zu ersetzen. […]
Es sei ein Trugschluß, vom stärkeren Trieb auf ein minderwertiges Organ zu schließen. […]“
„Über die Identität oder Verschiedenheit von Adlers Aggressionstrieb und unserer Libido entspinnt sich eine längere Debatte.“
(Prot. 1, 382ff)

FN: „Der Vortrag erschien unter dem Titel: >Der Aggressionstrieb im Leben und in der Neurose<, in: Fortschritte der Medizin, Nr. 19, 1908.
Karl Abraham fasste die Arbeit in seinem >Bericht über die österreichische und deutsche psychoanalytische Literatur bis zum Jahre 1909< im Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschung, Bd. 1, 1909, wie folgt zusammen:
„Jeder Trieb geht auf eine Organbetätigung zurück. Minderwertige Organe sind durch besondere Stärke des Triebes ausgezeichnet. In der Entstehung der Neurosen spielen minderwertige Organe eine wichtige Rolle.
Der Sadismus beruht auf einer Verschränkung von Aggressionstrieb und Sexualtrieb.  Der Aggressionstrieb kann – wie jeder andere Trieb – in reiner oder sublimierter Form ins Bewusstsein treten, oder er kann infolge der hemmenden Wirkung eines anderen Triebes ins Gegenteil verkehrt oder gegen das Individuum selbst gerichtet oder auf ein anderes Ziel verschoben werden. [ …]“ (Prot. 1, 382)

Quelle:
Nunberg, Hermann, Federn Ernst (Hg.): Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. 4 Bände. Deutsche Ausgabe: Frankfurt am Main: S. Fischer 1976-1981.

Redaktion: CD, 7.6.2010.