Wissensplattform für Psychoanalyse

 

Sie sind hier

Sigmund Freud (1914d) Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung (Auszug)

Freud, Sigmund (1914d)  Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung.
GW 10, 43-113

[Auszug]
„Von 1907 an änderte sich die Situation gegen alle Erwartungen und wie mit einem Schlage. Man erfuhr, daß die Psychoanalyse in aller Stille Interesse erweckt und Freunde gefunden habe, ja, daß es wissenschaftliche Arbeiter gebe, welche bereit seien, sich zu ihr zu bekennen. Eine Zuschrift von Bleuler hatte mich schon früher wissen lassen, daß meine Arbeiten im Burghölzli studiert und verwertet würden. Im Jänner 1907 kam der erste Angehörige der Züricher Klinik, Dr. Eitingon, (FN 1) nach Wien, es folgten bald andere Besuche, die einen lebhaften Gedankenaustausch anbahnten; endlich kam es über Einladung von C. G. Jung, damals noch Adjunkt am Burghölzli, zu einer ersten Zusammenkunft in Salzburg im Frühjahre 1908, welche die Freunde der Psychoanalyse von Wien, Zürich und anderen Orten her vereinigte. Eine Frucht dieses ersten psychoanalytischen Kongresses war die Gründung einer Zeitschrift, welche als “Jahrbuch für psychoanalytische und psychopatho-logische Forschungen”, herausgegeben von Bleuler und Freud, redigiert von Jung, im Jahre 1909 zu erscheinen begann. Eine innige Arbeitsgemeinschaft zwischen Wien und Zürich fand in dieser Publikation ihren Ausdruck.

FN 1 Der spätere Gründer der “Psychoanalytischen Poliklinik” in Berlin
 

Ich habe die großen Verdienste der Züricher psychiatrischen Schule um die Ausbreitung der Psychoanalyse, des besonderen die von Bleuler und Jung, wiederholt dankend anerkannt und stehe nicht an, dies heute, unter so veränderten Verhältnissen, von neuem zu tun. Gewiß war es nicht erst die Parteinahme der Züricher Schule, welche damals die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Welt auf die Psychoanalyse richtete. Die Latenzzeit war eben abgelaufen und an allen Orten wurde die Psychoanalyse Gegenstand eines sich steigernden Interesses. Aber an allen anderen Orten ergab diese Zuwendung von Interesse zunächst nichts anderes, als eine meist leidenschaftlich akzentuierte Ablehnung, in Zürich hingegen wurde die prinzipielle Übereinstimmung der Grundton des Verhältnisses. An keiner anderen Stelle fand sich auch ein so kompaktes Häuflein von Anhängern beisammen, konnte eine öffentliche Klinik in den Dienst der psychoanalytischen Forschung gestellt werden, oder war ein klinischer Lehrer zu sehen, der die psychoanalytische Lehre als integrierenden Bestandteil in den psychiatrischen Unterricht aufnahm. Die Züricher wurden so die Kerntruppe der kleinen, für die Würdigung der Analyse kämpfenden Schar. Bei ihnen allein war Gelegenheit, die neue Kunst zu erlernen und Arbeiten in ihr auszuführen. Die meisten meiner heutigen Anhänger und Mitarbeiter sind über Zürich zu mir gekommen, selbst solche, die es geographisch weit näher nach Wien hatten als nach der Schweiz. Wien liegt exzentrisch für den Westen Europas, der die großen Zentren unserer Kultur beherbergt; sein Ansehen wird seit vielen Jahren durch schwerwiegende Vorurteile beeinträchtigt. In der geistig so rührigen Schweiz strömen Vertreter der bedeutsamsten Nationen zusammen; ein Infektionsherd an dieser Stelle mußte für die Ausbreitung der psychischen Epidemie, wie Hoche in Freiburg sie genannt hatte, besonders wichtig werden.

Nach dem Zeugnis eines Kollegen, der die Entwicklung im Burghölzli mitgemacht, kann man feststellen, daß die Psychoanalyse dort schon sehr frühzeitig Interesse erweckte. In Jungs 1902 veröffentlichter Schrift über okkulte Phänomene findet sich bereits ein erster Hinweis auf die Traumdeutung. Von 1903 oder 1904 an, berichtet mein Gewährsmann, stand die Psychoanalyse im Vordergrunde. Nach der Anknüpfung persönlicher Beziehungen zwischen Wien und Zürich bildete sich, Mitte des Jahres 1907, auch im Burghölzli ein zwangloser Verein, der in regelmäßigen Zusammenkünften die Probleme der Psychoanalyse diskutierte. Bei der Union, die sich zwischen der Wiener und der Züricher Schule vollzog, waren die Schweizer keineswegs der bloß empfangende Teil. Sie hatten selbst bereits respektable wissenschaftliche Arbeit geleistet, deren Ergebnisse der Psychoanalyse zugute kamen. Das von der Wundtschen Schule angegebene Assoziationsexperiment war von ihnen im Sinne der Psychoanalyse gedeutet worden und hatte ihnen unerwartete Verwertungen gestattet. Es war so möglich geworden, rasche experimentelle Bestätigungen von psychoanalytischen Tatbeständen zu erbringen und einzelne Verhältnisse dem Lernenden zu demonstrieren, von denen der Analytiker nur hätte erzählen können. Es war die erste Brücke geschlagen worden, die von der Experimentalpsychologie zur Psychoanalyse führte.

Das Assoziationsexperiment ermöglicht in der psychoanalytischen Behandlung eine vorläufige qualitative Analyse des Falles, leistet aber keinen wesentlichen Beitrag zur Technik und ist bei der Ausführung von Analysen eigentlich entbehrlich. Bedeutsamer noch war eine andere Leistung der Züricher Schule oder ihrer beiden Führer Bleuler und Jung. Der erstere wies nach, daß bei einer ganzen Anzahl von rein psychiatrischen Fällen die Erklärung durch solche Vorgänge in Betracht käme, wie sie mit Hilfe der Psychoanalyse für den Traum und die Neurosen erkannt worden waren (“Freudsche Mechanismen”). Jung wendete das analytische Deutungsverfahren mit Erfolg auf die sonderbarsten und dunkelsten Phänomene der Dementia praecox an, deren Herkunft aus der Lebensgeschichte und den Lebensinteressen der Kranken dann klar zutage trat. Von da an war es den Psychiatern unmöglich gemacht, die Psychoanalyse noch länger zu ignorieren. Das große Werk von Bleuler über die Schizophrenie (1911), in welchem die psychoanalytische Betrachtungsweise gleichberechtigt neben die klinisch-systematische hingestellt wurde, brachte diesen Erfolg zur Vollendung.

Ich will es nicht unterlassen, auf einen Unterschied hinzuweisen, der schon damals in der Arbeitsrichtung der beiden Schulen deutlich war. Ich hatte bereits im Jahre 1897 die Analyse eines Falles von Schizophrenie veröffentlicht, der aber paranoides Gepräge trug, so daß seine Auflösung den Eindruck der Jungschen Analysen nicht vorwegnehmen konnte. Mir war aber nicht die Deutbarkeit der Symptome, sondern der psychische Mechanismus der Erkrankung das Wichtige gewesen, vor allem die Übereinstimmung dieses Mechanismus mit dem bereits erkannten der Hysterie. Auf die Differenzen zwischen den beiden fiel damals noch kein Licht. Ich zielte nämlich bereits zu jener Zeit auf eine Libidotheorie der Neurosen hin, welche alle neurotischen wie psychotischen Erscheinungen aus abnormen Schicksalen der Libido, also aus Ablenkungen derselben von ihrer normalen Verwendung, erklären sollte. Dieser Gesichtspunkt ging den Schweizer Forschern ab. Bleuler hält meines Wissens auch heute an einer organischen Verursachung der Formen von Dementia praecox fest, und Jung, dessen Buch über diese Erkrankung 1907 erschienen war, vertrat 1908 auf dem Salzburger Kongresse die toxische Theorie derselben, die sich, allerdings ohne sie auszuschließen, über die Libidotheorie hinaussetzt. An dem nämlichen Punkte ist er dann später (1912) gescheitert, indem er nun zuviel von dem Stoffe nahm, dessen er sich vorher nicht bedienen wollte.

Einen dritten Beitrag der Schweizer Schule, der vielleicht ganz auf die Rechnung Jungs zu setzen ist, kann ich nicht so hoch einschätzen, wie es von Fernerstehenden geschieht. Ich meine die Lehre von den Komplexen, die aus den “Diagnostischen Assoziationsstudien” (1906 bis 1910) erwuchs. Sie hat weder selbst eine psychologische Theorie ergeben noch eine zwanglose Einfügung in den Zusammenhang der psychoanalytischen Lehren gestattet. Hingegen hat sich das Wort “Komplex” als bequemer, oft unentbehrlicher Terminus zur deskriptiven Zusammenfassung psychologischer Tatbestände Bürgerrecht in der Psychoanalyse erworben. Kein anderer der von dem psychoanalytischen Bedürfnis neugeschaffenen Namen und Bezeichnungen hat eine ähnlich weitgehende Popularität erreicht und so viel mißbräuchliche Verwendung zum Schaden schärferer Begriffsbildungen gefunden. Man begann in der Umgangssprache der Psychoanalytiker von “Komplexrückkehr” zu reden, wo man die “Rückkehr des Verdrängten” meinte, oder man gewöhnte sich zu sagen: Ich habe einen Komplex gegen ihn, wo es korrekter nur lauten konnte: einen Widerstand.

In den Jahren von 1907 an, die auf den Zusammenschluß der Schulen von Wien und Zürich folgten, nahm die Psychoanalyse jenen außerordentlichen Aufschwung, in dessen Zeichen sie sich heute noch befindet, und der ebenso sicher bezeugt ist durch die Verbreitung der ihr dienenden Schriften und die Zunahme der Ärzte, welche sie ausüben oder erlernen wollen, wie durch die Häufung der Angriffe gegen sie auf Kongressen und in gelehrten Gesellschaften. Sie wanderte in die fernsten Länder, schreckte überall nicht nur die Psychiater auf, sondern machte auch die gebildeten Laien und die Arbeiter auf anderen Wissensgebieten aufhorchen. Havelock Ellis, der ihrer Entwicklung mit Sympathie gefolgt war, ohne sich jemals ihren Anhänger zu nennen, schrieb 1911 in einem Bericht an den Australasiatischen medizinischen Kongreß: “Freud’s psychoanalysis is now championed and carried out not only in Austria and in Switzerland, but in the United States, in England, in India, in Canada, and, I doubt not, in Australasia.”  (FN 1) Ein (wahrscheinlich deutscher) Arzt aus Chile trat auf dem internationalen Kongreß in Buenos Aires 1910 für die Existenz der infantilen Sexualität ein und lobte die Erfolge der psychoanalytischen Therapie bei Zwangssymptomen; (FN 2) ein englischer Nervenarzt in Zentralindien (Berkeley-Hill) ließ mir durch einen distinguierten Kollegen, der nach Europa reiste, mitteilen, daß die mohammedanischen Hindus, an denen er

FN 1 Havelock Ellis, The doctrines of the Freud School.
FN 2 G. Greve. Sobre Psicologia y Psicoterapia de ciertos Estados angustiosos. S. Zentralbl. f. Psychoanalyse, Bd. I, S. 594.

die Analyse ausübe, keine andere Ätiologie ihrer Neurosen erkennen ließen als unsere europäischen Patienten.

Die Einführung der Psychoanalyse in Nordamerika ging unter besonders ehrenvollen Anzeichen vor sich. Im Herbst 1909 wurden Jung und ich von Stanley Hall, dem Präsidenten der Clark University in Worcester (bei Boston), eingeladen, uns an der zwanzigjährigen Gründungsfeier des Institutes durch Abhaltung von Vorträgen in deutscher Sprache zu beteiligen. Wir fanden zu unserer großen Überraschung, daß die vorurteilslosen Männer jener kleinen, aber angesehenen pädagogisch-philosophischen Universität alle psychoanalytischen Arbeiten kannten und in den Vorträgen für ihre Schüler gewürdigt hatten. In dem so prüden Amerika konnte man wenigstens in akademischen Kreisen alles, was im Leben als anstößig galt, frei besprechen und wissenschaftlich behandeln. Die fünf Vorträge, die ich in Worcester improvisiert habe, erschienen dann im American Journ. of Psychology in englischer Übersetzung, bald darauf deutsch unter dem Titel “Über Psychoanalyse”; Jung las über diagnostische Assoziationsstudien und über “Konflikte der kindlichen Seele”. Wir wurden dafür mit dem Ehrentitel von LL. D. (Doktoren beider Rechte) belohnt. Die Psychoanalyse war während jener Festwoche in Worcester durch fünf Personen vertreten, außer Jung und mir waren es Ferenczi, der sich mir als Reisebegleiter angeschlossen hatte, Ernest Jones, damals an der Universität in Toronto (Kanada), jetzt in London, und A. Brill, der bereits in New York analytische Praxis ausübte.

Die bedeutsamste persönliche Beziehung, die sich in Worcester noch ergab, war die zu James J. Putnam, dem Lehrer der Neuropathologie an der Harvard. University, der vor Jahren ein abfälliges Urteil über die Psychoanalyse ausgesprochen hatte, sich jetzt aber rasch mit ihr befreundete und sie in zahlreichen inhaltreichen wie formschönen Vorträgen seinen Landsleuten und Fachgenossen empfahl. Der Respekt, den sein Charakter ob seiner hohen Sittlichkeit und kühnen Wahrheitsliebe in Amerika genoß, kam der Psychoanalyse zugute und deckte sie gegen die Denunziationen, denen sie sonst wahrscheinlich zeitig erlegen wäre. Putnam hat dann später dem großen ethischen und philosophischen Bedürfnisseiner Natur allzusehr nachgegeben und an die Psychoanalyse die, wie ich meine, unerfüllbare Forderung gestellt, daß sie sich in den Dienst einer bestimmten sittlich-philosophischen Weltanschauung finden solle; er ist aber die Hauptstütze der psychoanalytischen Bewegung in seinem Heimatlande geblieben. (FN 1)

FN 1 S. J. J. Putnam, Addresses on Psycho-Analysis, Internat. Psycho-Analytical Library Nr. 1, 1921. — Putnam starb 1918.

Um die Ausbreitung dieser Bewegung erwarben sich dann Brill und Jones die größten Verdienste, indem sie in ihren Arbeiten in selbstverleugnender Emsigkeit die leicht zu beobachtenden Grundtatsachen des Alltagslebens, des Traumes und der Neurose immer wieder von neuem ihren Landsleuten vor Augen führten. Brill hat diese Einwirkung durch seine ärztliche Tätigkeit und durch die Übersetzung meiner Schriften, Jones durch lehrreiche Vorträge und schlagfertige Diskussionen auf den amerikanischen Kongressen verstärkt. (FN2]

FN 2 Die Publikationen beider Autoren sind gesammelt erschienen: Brill, Psychanalysis, Its theories and practical applications, 1912, und E. Jones, Papers on Psychoanalysis, 1913 Vom ersten Buch ist 1914, vom anderen 1918 eine sehr verstärkte Second Edition (1938 Fourth) erschienen.

Der Mangel einer eingewurzelten wissenschaftlichen Tradition und die geringere Strammheit der offiziellen Autorität sind der von Stanley Hall für Amerika gegebenen Anregung entschieden vorteilhaft gewesen. Es war dort auch von allem Anfang an charakteristisch, daß sich Professoren und Leiter von Irrenanstalten in gleichem Maße wie selbständige Praktiker an der Analyse beteiligt zeigten. Aber gerade darum ist es klar, daß der Kampf um die Analyse dort seine Entscheidung finden muß, wo sich die größere Resistenz ergeben hat, auf dem Boden der alten Kulturzentren.“ (ebd, 65ff)

[Zur Gründung der IPV]

„Zwei Jahre nach dem ersten fand der zweite Privatkongreß der Psychoanalytiker, diesmal in Nürnberg, statt (März 1910). In der Zwischenzeit hatte sich bei mir, unter dem Eindruck der Aufnahme in Amerika, der steigenden Anfeindung in den deutschen Ländern und der ungeahnten Verstärkung durch den Zuzug der Züricher, eine Absicht gebildet, die ich mit Beihilfe meines Freundes S. Ferenczi auf jenem zweiten Kongreß zur Ausführung brachte. Ich gedachte, die psychoanalytische Bewegung zu organisieren, ihren Mittelpunkt nach Zürich zu verlegen und ihr ein Oberhaupt zu geben, welches ihre Zukunft in acht nehmen sollte. Da diese meine Gründung viel Widerspruch unter den Anhängern der Analyse gefunden hat, will ich meine Motive ausführlicher darlegen. Ich hoffe dann gerechtfertigt zu sein, auch wenn sich herausstellen sollte, daß ich wirklich nichts Kluges getan habe.

Ich urteilte, daß der Zusammenhang mit Wien keine Empfehlung, sondern ein Hemmnis für die junge Bewegung wäre. Ein Ort wie Zürich, im Herzen von Europa, an welchem der akademische Lehrer sein Institut der Psychoanalyse geöffnet hatte, erschien mir weit aussichtsvoller. Ich nahm ferner an, ein zweites Hindernis sei meine Person, deren Schätzung allzusehr durch der Parteien Gunst und Haß verwirrt wurde; man verglich mich entweder mit Columbus, Darwin und Kepler oder schimpfte mich einen Paralytiker. Ich wollte also mich ebenso in den Hintergrund rücken wie die Stadt, von der die Psychoanalyse ausgegangen war. Auch war ich nicht mehr jugendlich, sah einen langen Weg vor mir und empfand es als drückend, daß mir in so späten Jahren die Verpflichtung, Führer zu sein, zugefallen war. Ein Oberhaupt, meinte ich aber, müsse es geben. Ich wußte zu genau, welche Irrtümer auf jeden lauerten, der die Beschäftigung mit der Analyse unternahm, und hoffte, man könnte viele derselben ersparen, wenn man eine Autorität aufrichtete, die zur Unterweisung und Abmahnung bereit sei. Eine solche Autorität war zunächst mir zugefallen infolge des uneinbringlichen Vorsprunges einer etwa 15 jährigen Erfahrung. Es lag mir also daran, diese Autorität auf einen jüngeren Mann zu übertragen, der nach meinem Ausscheiden wie selbstverständlich mein Ersatz werden sollte. Dies konnte nur C. G. Jung sein, denn Bleuler war mein Altersgenosse, für Jung sprachen aber seine hervorragende Begabung, die Beiträge zur Analyse, die er bereits geleistet hatte, seine unabhängige Stellung und der Eindruck von sicherer Energie, den sein Wesen machte. Er schien überdies bereit, in freundschaftliche Beziehungen zu mir zu treten und mir zuliebe Rassenvorurteile aufzugeben, die er sich bis dahin gestattet hatte. Ich ahnte damals nicht, daß diese Wahl trotz aller aufgezählten Vorzüge eine sehr unglückliche war, daß sie eine Person getroffen hatte, welche, unfähig, die Autorität eines anderen zu ertragen, noch weniger geeignet war, selbst eine Autorität zu bilden, und deren Energie in der rücksichtslosen Verfolgung der eigenen Interessen aufging. (ebd, 84f)

[Zum Bruch mit Jung]
„Ein ganz anderes Bild bot der vierte Kongreß zu München zwei Jahre später, im September 1913, der allen Teilnehmern noch in frischer Erinnerung ist. Er wurde von Jung in unliebenswürdiger und inkorrekter Weise geleitet, die Vortragenden waren in der Zeit beschränkt, die Diskussionen überwucherten die Vorträge. Der böse Geist Hoche hatte infolge einer boshaften Laune des Zufalls seinen Wohnsitz in demselben Hause aufgeschlagen, in welchem die Analytiker ihre Sitzungen abhielten. Hoche hätte sich ohne Mühe überzeugen können, wie sie seine Charakteristik einer fanatischen Sekte, welche ihrem Oberhaupte blind ergeben folgt, ad absurdum führten. Die ermüdenden und unerquicklichen Verhandlungen brachten auch die Wiederwahl Jungs zum Präsidenten der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, welche Jung annahm, wiewohl zwei Fünftel der Anwesenden ihm ihr Vertrauen verweigerten. Man schied voneinander ohne das Bedürfnis, sich wiederzusehen.“ (ebd, 68)

Redaktion CD, 23.2.2012