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Eckstein, Friedrich (1930): Das Unbewußte, die Vererbung und das Gedächtnis: Im Lichte der mathematischen Naturwissenschaft

„Daß alles durch ein festgestelltes Verhängnis herfürgebracht werde, ist ebenso gewiß, als daß drey mal drey neun ist. Denn das Verhängnis besteht darin, daß alles an einander hänget wie eine Kette, und eben so unfehlbar geschehen wird, ehe es geschehen, als unfehlbar es geschehen ist, wenn es geschehen. Die alten Poeten, als Homerus und andere, haben es die güldene Kette genennet, so Jupiter vom Himmel herab hängen lalle, so sich nicht zerreißen lässet, man hänge daran, was man wolle. Und diese Kette besteht in den Verfolg der Ursachen und der Wirkungen … Hieraus sieht man nun, das alles mathematisch, das ist, ohnfehlbar zugehe in der ganzen weiten Welt, so gar, daß wenn einer eine gnugsame Insicht in die innern Theile der Dinge haben könnte, und dabey Gedächtnis und Verstand gnug hätte, und alle Umbstände vorzunehmen und in Rechnung zu bringen, würde er ein Prophet seyn, und in dem Gegenwärtigen das Zukünftige sehen, gleichsam als in einem Spiegel.“

Mit diesen Worten beginnt Leibniz seine Abhandlung über das „Verhängnis“, und wir finden hier im Grunde schon jene folgenschweren Gedanken, die dann, mehr als hundert Jahre

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später, bei Laplace in etwas veränderter Gestalt wiederkehren. Dort, in der Einleitung zu dem Werk über die Wahrscheinlichkeiten, findet sich die bekannte, oft zitierte Stelle, wo Laplace die Idee einer „Intelligenz“ erörtert, „welche für einen gegebenen Augenblick alle Kräfte kennen würde, von denen die Natur belebt ist, sowie die gegenwärtige Lage der Wesen, die sie zusammensetzen, und die überdies umfassend genug wäre, um diese gegebenen Größen einer Analyse zu unterwerfen“.

Eine solche Intelligenz nun, meint Laplace, wäre im Besitze der mathematischen Weltformel, welche die Bewegungen des größten Weltkörpers wie des leichterten Atoms auszudrücken vermöchte, und für einen solchen Geist würde nichts ungewiß sein, „Zukunft und Vergangenheit würden ihm offen vor Augen liegen“.

Diese großartigen Bilder von dem jedes Geschehen bedingenden „Verhängnisse“ und von der alle Vergangenheit und Zukunft des Seienden umfassenden Weltformel bedeuten im Grunde nichts anderes als eine überaus eindringliche Darstellung des methodischen Grundprinzips von der allgemeinen, mathematisch definierbaren Natureinheit und dem innigen Zusammenhang alles physischen Geschehens zufolge den Grundsätzen von der Erhaltung der Substanz, der Kausalität und dem Prinzip von der Gleichheit von Wirkung und Gegenwirkung, wie uns diese in voller Schärfe zum ersten Male durch Newton übermittelt worden sind.

Aber schon vor Newton und Leibnitz hatte René Descartes den Begriff der mathematischen Funktion, der gesetzmäßigen Abhängigkeit einer veränderlichen Größe von einer anderen, in das Studium der Geometrie eingeführt, und damit die Möglichkeit geschaffen, verschieden gestaltete geometrische

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Gebilde, insbesondere krumme Linien, durch einen einzigen algebraischen Ausdruck, gleichsam durch eine „signatura rerum“, so zu charakterisieren, daß die Totalität aller ihrer Punkte jederzeit mathematisch bestimmt werden konnte.

Später wurde dieses Verfahren auch auf die Bewegungsvorgänge ausgedehnt, so daß die Methoden der Cartesischen Geometrie auch auf das zeitliche Geschehen angewendet und zur Grundlegung der exakten, mathematischen Physik herangezogen werden konnten. Aber es ist wiederum Leibniz gewesen, der den Gedanken von Descartes durch die von ihm, fast gleichzeitig mit Newton, geschaffene Infinitesimal-Methode, durch Einführung des Unendlichkleinen in die Rechnungen, gewaltig bereichert hat, und man wird wohl mit Bernhard Riemann sagen dürfen, es sei erst seitdem man gelernt habe, dem Laufe der Natur stetig zu folgen, erst seit der Erfindung der Differentialrechnung, möglich geworden, den Zusammenhang der Erscheinungen in abstrakten Begriffen und in mathematischen Formeln nachzukonstruieren. Dieserart sei man zu dem Instrument der Differentialgleichungen gelangt, welche eben geeignet sind, den stetigen Übergang aus einem Zustand in den unmittelbar darauf folgenden mathematisch auszusprechen.

Es ist also klar, daß, wenn wir uns eine Weltformel denken wollen, diese sich als ein System von Differentialgleichungen repräsentieren müßte, demzufolge jeder augenblickliche Weltzustand immer durch den unmittelbar vorhergehenden völlig bestimmt ist. Hierdurch sind jene Kräfte charakterisiert, welche die Alten als „vires a tergo“, als nur von außen, „vom Rücken her“ stoßende, bezeichneten, wo also stets ein Zustand des Universums unmittelbar auf dem nachfolgenden zu lasten scheint, der aber selbst wiederum einzig und allein durch den

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vorausgegangenen völlig bestimmt ist, nicht aber zugleich auch unmittelbar durch andere, in früherer Zeit dagewesene.

Im Gegensatz zu dieser bis dahin allgemein angenommenen Grundansicht der mathematischen Physik, haben jedoch neuere Beobachtungen und Versuche ergeben, daß es offenbar Naturvorgänge gibt, welche sich diesen gewohnten theoretischen Vorstellungen keineswegs anpassen wollen, Prozesse nämlich, bei welchen nicht bloß die unmittelbare Vergangenheit des beobachteten Gegenstandes über dessen ferneres Verhalten entscheidet, sondern auch frühere, oft zeitlich weit zurückliegende Zustände und Vorgänge, wo also, neben der kontinuierlich ablaufenden Folge von Konfigurationen zugleich auch eine direkte, zeitliche Fernwirkung längst abgelaufener Zustände gedacht werden muß.

Schon im Jahre 1835 hatte der große Physiker Wilhelm Weber diese Erscheinungen systematisch studiert, darüber eingehend berichtet und schließlich, wenige Jahre später, auch eine neue mathematische Interpretation jener neu entdeckten physikalischen Prozesse bekanntgemacht. Es handelt sich hier um die sogenannte „elastische Nachwirkung“, welche bei verschiedenen Metallen, am deutlichsten aber bei Körpern vegetabilischen und animalischen Ursprunges, auftritt; sie besteht darin, daß ein fester Körper, welcher einer andauernden ruhenden Belastung ausgesetzt wird, die elastische Formänderung, die Änderung in der Gruppierung seiner Teilchen, im allgemeinen nicht, wie man nach den bisher akzeptierten physikalischen Vorstellungen, und vor allem nach dem Hookeschen Grundgesetz der Elastizität erwarten müßte, sofort erleidet, daß diese vielmehr sehr langsam und allmählich, oft erst nach Tagen, ja mitunter auch nach vielen Monaten, vollständig erfolgt, wie auch umgekehrt die Teilchen nach Entfernung

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der äußeren Kräfte eine gewisse Zeit brauchen, bis sie wieder vollständig zur Ruhe kommen.

Um die Aufklärung dieser sonderbaren Vorgänge haben sich später insbesondere auch Clerk Maxwell und Kohlrausch bemüht und im Jahre 1876 hat Ludwig Boltzmann diesem Gegenstande tief eindringende theoretische Untersuchungen gewidmet.

Besonders merkwürdig sind die Erscheinungen, welche bei der Torsion von Drähten auftreten. Denken wir uns einen elastischen Draht, den wir an einem Ende festhalten, während das andere Ende verdreht wird. Wir erteilen ihm zuerst eine Torsion nach rechts und halten ihn in diesem Zustande durch mehrere Minuten fest. Hierauf verdrehen wir ihn in dem entgegengesetzten Sinne, also in unserem Falle nach links, und zwar um den gleichen Winkelbetrag, jedoch nur für kurze Zeit, worauf wir den Draht plötzlich freilassen. Man beobachtet nun, wie die Linksdrehung allmählich zurückgeht; statt jedoch in der ursprünglichen Ausgangsstellung zur Ruhe zu kommen, wie dies zu erwarten wäre, verdreht sich der Draht über diese hinaus, nochmals in dem andern Sinne, in unserem Falle also nach rechts, und kehrt erst ganz langsam in die Ruhelage Zurück. Diese nachträgliche Rechtsverdrehung ist aber um so stärker, je länger die ursprüngliche erste Deformation gedauert hatte und je intensiver sie gewesen war. „Offenbar“, ichreibt hierüber Th. v. Karman im Jahrgang 1916 der „Naturwissenschaften“, „ist der weitere Verlauf in diesem Falle nicht bestimmt durch den augenblicklichen Spannungs- und Deformationszustand; es spielt vielmehr sozusagen die Vergangenheit herein, die Deformationen, welche der Draht durchgemacht hat sowie deren Stärke und deren Dauer.“

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In diesem Sinne hat denn auch Boltzmann gezeigt, daß jene Zusammenhänge sich ohne Schwierigkeit erklären lassen, wenn man der Materie etwas wie ein Gedächtnis oder Erinnerungsvermögen zuschreibt, so daß also unser durch Verdrehung gespannter Draht sich nach der Rückkehr zur Ruhelage an die erste lang andauernde Deformation gewissermaßen erinnert.“

Man hat natürlich alles Mögliche versucht, um diese sonderbaren Vorgänge bei der elastischen Nachwirkung, ohne solche, offenbar etwas phantastische Annahmen heranzuziehen, mit den vorhandenen Mitteln der normalen theoretischen Physik zu erklären; man hat an die innere Reibung der Moleküle gedacht, um die elastische Nachwirkung zu erklären, und Maxwell hat zu diesem Behufe später eine eigene Theorie der „Relaxation“ aufgestellt; aber bei näherer Untersuchung hat sich immer wieder herausgestellt, daß alle diese Theorien keineswegs geeignet sind, jene Vorgänge begreiflich zu machen, und die schon erwähnten Beobachtungen haben es schließlich über jeden Zweifel erhoben, daß die Prozesse der elastischen Nachwirkung prinzipiell weder durch innere Reibung noch durch Relaxation zu erklären seien, daß ihnen vielmehr mit den der mathematischen Physik bis dahin zugänglichen analytischen Hilfsmitteln grundsätzlich überhaupt nicht beizukommen sei. Nun hat sich aber im Laufe der Zeit ergeben, daß die Vorgänge bei der „Nachwirkung“ keineswegs allein auf das Gebiet der Elastizität beschränkt sind, daß sie vielmehr, wie insbesondere Weidmann 1886 gezeigt hat, auch bei der Ausdehnung der Körper durch Erwärmung als „thermische Nachwirkung“ auftreten und daß sie vor allem in der Lehre vom Magnetismus, vom Dielektrikum und der Elektrodynamik als die wohlbekannten Phänomene der

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„Hysteresis“, der „magnetischen Trägheit“ und des „Trainage“ beobachtet werden. Ein Eisenstab, der durch galvanische Ströme magnetisiert wird, verhält sich diesen Einflüssen gegenüber gleichfalls schleppend, indem bei einer allmählichen Steigerung der Stromstärke die magnetische Kraft eines Elektromagneten mit dem erregenden Strom nicht gleichen Schritt hält, sondern hinter diesem etwas zurückbleibt, sowie auch umgekehrt, bei der allmählichen Abnahme des Stromes, der Magnetismus in jedem Augenblick etwas stärker ist, als dies der gleichzeitigen Stromstärke entsprechen würde. Damit hängt auch zusammen, daß ein magnetisierter Eisenstab, wenn er seinen Magnetismus auch wieder gänzlich verloren hat, bei einer folgenden, neuerlichen Magnetisierung ein ganz anderes Verhalten zeigt. Es ist also begreiflich, daß das Problem, dem allen auch theoretisch beizukommen, eine ganz besondere Bedeutung erlangen mußte. Erweist sich doch die elastische Nachwirkung immer mehr als eine ganz allgemeine Eigenschaft der Materie, so daß man wohl wird sagen dürfen, es gäbe überhaupt gar keine Naturvorgänge, bei welchen sie nicht gleichzeitig eine gewisse Rolle spielen würde.

Dem bekannten italienischen Mathematiker Vito Volterra, der sich schon in den Neunzigerjahren besonders viel mit dem Studium der erwähnten Probleme beschäftigt hatte, ist es nun auch gelungen, zur streng wissenschaftlichen Bewältigung der hier auftretenden Aufgaben und Schwierigkeiten ganz neue mathematische Hilfsmittel herbeizuschaffen und wir haben auch hier wieder das Schauspiel, wie neue Naturbeobachtungen und Experimente die mathematische Forschung befruchten und zu neuen geistigen Schöpfungen anregen, ebenso wie auch umgekehrt, die reine Mathematik der Experimentalphysik oft genug die Wege gewiesen hat. Fast

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gleichzeitig mit den Arbeiten Volterras hat auch E. Picard in seiner Schrift: „La science moderne et son état actuel“ diese Probleme mathematisch untersucht und auch die berühmten Mathematiker Fredholm, Hilbert und Erhardt Schmidt haben ebenfalls völlig neue Arten von analytischen Funktionen und Funktionalgleichungen entdeckt, die sogenannten „Integralgleichungen“ und die „Integraldifferentialgleichungen“, welche, ebenso wie Volterras „Linienfunktionen“, durchaus geeignet erscheinen, die rätselhaften Prozesse bei der elastischen Nachwirkung und den analogen Naturvorgängen mit dem Hilfsmittel der mathematischen Analysis zu deuten und abzuleiten. Es handelt sich bei diesen neuen Funktionen um eine ganz eigenartige, der exakten Wissenschaft bis dahin noch völlig unbekannt gebliebene Form der Kausalität, die insbesondere dadurch gekennzeichnet ist, daß hier der Begriff einer zeitlichen Fernwirkung auftritt. daß also der Naturlauf nicht allein von den unmittelbar vorausgegangenen Zuständen des Universums bestimmt wird, sondern auch direkt über große Zeiträume hinweg, durch längst abgelaufene Zustände, ja durch die gesamte Vorgeschichte der betrachteten Objekte.

Wir haben hier ein Problem vor uns, ganz analog jenem der räumlichen Fernwirkung im Gegensatz zur „Nahewirkungs-Physik“, welches zu jenem uralten, bis heute noch nicht ausgetragenen und vielleicht auch für immer unentscheidbaren dialektischen Streit hinführt: „ob die Körper dort wirken, wo sie sind, oder vielmehr dort, wo sie nicht sind“; denn, weder die im Grunde immer wieder auf die Annahme stoßender Kräfte aufgebaute Theorie von materiellen Zwischenmedien, noch die unmittelbar in die Ferne, gleichsam durch den leeren Raum hindurch wirkenden Einflüsse sind einer deutlich anschaulichen Darstellung oder einer hinreichend klaren begrifflichen

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Analyse zugänglich. Hier aber haben wir es mit der zeitlichen Analogie dieser Kräfte zu tun, mit dem Gegensatz von zeitlicher Nahewirkung und zeitlicher Wirkung unmittelbar in eine ferne Zukunft, mit der Idee einer die Zeit gleichsam überspringenden, direkten Einwirkung, und die dialektischen Schwierigkeiten sind hier sicherlich nicht geringer als bei dem eben erwähnten Gegensatz von räumlicher Nahe- und räumlicher Fernwirkung.

Während nun die Nahewirkungs-Physik, wie schon erwähnt, jeden Zustand des Universums immer aus dem unmittelbar vorausgegangenen ableitet, wobei dieser die früheren Zustände stets nur implicite, in einer im allgemeinen gänzlich abgeänderten Gestalt, gleichiam „verdaut“, enthält, sollen wir es hingegen hier, zufolge der Theorie der Funktionalgleichungen Picards und der übrigen erwähnten Mathematiker, mit einer ganz neuen Art von Kausalität der zeitlichen Fernwirkung zu tun haben, bei welcher Zusammenhänge, Gestalten und Bestände aus einer abgelaufenen Vergangenheit direkt, ohne Abänderungen durch die zeitlich dazwischenliegenden materiellen Vorgänge, gewissermaßen in „unverdautem“ Zustande wieder auftreten. Liegt doch das Wesen insbesondere des von Volterra neu geschaffenen analytischen Instrumentes der „Linienfunktionen“ darin, daß diese von sämtlichen Werten einer anderen Funktion abhängen, daß wir also durch sie ein rein mathematisches Bild davon erhalten, wie gleichsam aus einer Versenkung, uralte Einflüsse und Gestaltungen aussteigen und auf der Bühne der physikalischen Gegenwart mit einem Male sichtbar werden, deren Hervortreten aus den im älteren Sinne mechanisch determinierten Zusammhängen mit unmittelbar vorhergegangenen Weltzuständen auf keine Weise erklärt werden kann. Darum

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spricht Volterra von den „Vererbungseigenschaften“, von der „Heredität“ der Materie, derzufolge also gewisse Größen, welche in den Theorien des Elektromagnetismus wie auch in jenen der Elastizität auftreten, nicht, wie in der gewöhnlichen Mechanik ohne Vererbung, nur von dem augenblicklichen und dem unmittelbar vorausgegangenen Zustand abhängen, sondern vielmehr auch von der Gesamtheit aller früheren, oft zeitlich weit zurückliegenden, Konfigurationen und Veränderungen des Systems, In dieser „Mechanik mit Vererbung“ hinterläßt eben jede Einwirkung eine bleibende Spur, eine unvergängliche Beeinflussung des ganzen Systems, und der gegenwärtige Zustand hängt immer von dessen gesamter Vorgeschichte ab, von all den Spannungszuständen, welche seit unendlich langer Zeit bis zum gegenwärtigen Augenblick auf das System eingewirkt haben, ganz im Gegensatze zu den Erwägungen der früheren Elastizitätstheorie. „Die Grundhypothese, die gestattet, die Arbeit der inneren Kräfte eines elastischen Körpers bei einer unendlich kleinen Deformation zu berechnen“, heißt es in dem Buche des bekannten italienischen Mathematikers und Philosophen Federigo Enriques „Probleme der Wissenschaft“, „besteht in der Annahme, daß diese für jedes Element von der augenblicklichen lokalen Deformation abhängt und nicht von derjenigen des übrigen festen Körpers und auch nicht von der Reihe vorhergehenden Konfigurationen, durch die der feste Körper selbst hindurchgegangen sein mag“, und er bezeichnet jene (ältere) Hypothese als die der „Nichterblichkeit“, während, wie die Erfahrung gezeigt hat, die Erscheinung der Elastizität, ebenso wie die anderen schon erwähnten Naturvorgänge, eine wichtige Korrektur durch die Erblichkeitsphänomene erfordern, bei welchen alle die vergangenen Konfigurationen

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des betrachteten Körpers, durch welche dieser hindurchgegangen war, mit herangezogen werden müssen, bevor er den gegenwärtigen Zustand erreicht hatte.

Der Grund, warum, wie schon erwähnt, ein belasteter elastischer Körper dem andauernd aus ihn einwirkenden gleichmäßigen Druck, etwa eines konstanten Gewichtes, nicht augenblicklich gänzlich nachgibt, sondern zur Erlangung seines stabilen Gleichgewichtes oft viele Monate braucht, müßte also, dieser Theorie zufolge, darin zu erblicken sein, daß, während der Zeit, da die Last auf ihn einwirkt, der elastische Körper in einer Art von „biogenetischer Rekapitulation“, seine früheren elastischen Zustände noch einmal kurz durchläuft, daß er also gleichsam eine Epoche der Schwangerschaft erfährt, in welcher seine gesamte Vergangenheit kursorisch wiederholt wird.

Man erkennt auf den ersten Blick, hier haben wir es mit ganz neuen Gesichtspunkten und Möglichkeiten zu tun, nicht allein für die physikalische Forschung, sondern auch für ein tieferes Verständnis der Biologie und des psychophysischen Problems. Auch bietet sich, wie schon Riebesell im Jahre 1918 in den „Naturwissenschaften“ angedeutet hat, die Möglichkeit einer durchaus veränderten Perspektive für das biogenetische Grundgesetz, und wir erhalten solcherart die exakten Grundlagen für die Beurteilung von Gedanken, wie sie bei G. F. Lipps im Jahre 1912 in seiner Schrift über das „Problem der Willensfreiheit“ erscheinen:

„Hinsichtlich der Geschehnisse in der unbelebten Natur“, heißt es dort, „bedürfen wir des Zurückgehens auf die vergangenen Zustände nicht. Zur Erklärung der Veränderungen und Betätigungen der mit Leben begabten Körper ist aber die Berücksichtigung der vergangenen Zustände unerläßlich.

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Wir sind dann geneigt, von besonderen seelischen Vermögen und Kräften zu reden, durch welche die in den vergangenen Zuständen begründeten Äußerungen des Lebens veranlaßt werden … Wollen wir wissen, was ein unbelebter Körper eigentlich ist, so müssen wir feststellen, wie er auf Grund seines jeweiligen Zustandes im Zusammenhange mit anderen Körpern seiner Umgebung sich ändert. Auf seine früheren Zustände brauchen wir keine Rücksicht zu nehmen; wenn wir nur seine gegenwärtige Verfassung kennen. In diesem Sinne können wir sagen, daß ein unbelebter Körper keine Vergangenheit habe. Bei einem lebenden Wesen reicht hingegen die Kenntnis des gegenwärtigen Zustandes nicht aus, wenn wir sein Verhalten unter irgend welchen Einwirkungen feststellen wollen. Wir müssen wissen, was ein lebendes Wesen früher war, um angeben zu können, was es jetzt ist und wie es irgend welchen Einwirkungen gegenüber sich verhalten wird. Ein lebendes Wesen hat eine Vergangenheit. Es steht unter dem Einfluß seiner Vergangenheit.“

Aber man sieht ohne weiteres, daß sich, nach Volterras Entdeckungen und der Ausgestaltung der korrespondierenden mathematischen Theorien, jene starre Unterscheidung von lebendiger und toter Substanz, wie sie G. F. Lipps in den angeführten Sätzen zu charakterisieren versucht hat, jetzt, aus Gründen der mathematisch-exakten Naturwissenschaft, nicht mehr aufrecht erhalten läßt. Wir werden vielmehr durch die hier erörterten neuen Erkenntnisse in unserer Ansicht nur bestärkt, daß der Gegensatz zwischen der mechanistischen und der teleologisch-biologischen Weltbetrachtung einzig und allein in der verschieden gerichteten Methodik der Forschung zu suchen sei. Wenn nämlich die Naturvorgänge jederzeit nicht allein von der Totalität aller gleichzeitig

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existierenden Substanzen und Kräfte abhängen, sondern auch von der Allheit der vorausgegangenen Weltzustände, so gelangen wir auch zu einem völlig neuen Begriff des Natursystems, der Monaden, und der Entelechie, welcher, zusammen mit den Resultaten der Wahrscheinlichkeitstheorien, der statistischen Physik, und den wichtigen Begriffen der Verteilungsfunktion, im Zusammenhange mit der unsymmetrischen, einseitig gerichteten Entropie-Entwicklung des Universums, einen neuen Begriff von dem Wesen des Individuellen und des Lebendigen ergibt.

Die Arbeiten über das Gedächtnis und die Vererbungserscheinungen der Materie zeigen deutlich genug, wie es eben die verschiedenen mathematischen Gesichtspunkte sind, welche darüber entscheiden, ob wir die Welt im Sinne einer reinen „Mechanik ohne Vererbung“, oder ob wir sie nach Picard, Volterra und Fredholm als eine Kausalität der zeitlichen Fernwirkung, der Heredität, also der „Mechanik mit Vererbung“, biologisch und psychophysisch zu interpretieren haben. Mit dem Verschwinden der absoluten Schranken zwischen einer belebten und einer unbelebten Welt erfährt aber unser wissenschaftlicher Horizont eine ungeahnte Erweiterung, und die neuen Möglichkeiten, auch den biologischen und psychologischen Begriffen der Heredität, des biogenetischen Grundgesetzes und des Gedächtnisses mit exakten mathematisch-naturwissenschaftlichen Methoden und Gleichungssystemen beizukommen, ist für unsere gesamte Naturerkenntnis von der größten Bedeutung. Nunmehr können wir hoffen, daß es einmal auch gelingen werde, mit diesem neuen Hilfsmittel auch an eine mathematische Formulierung und Zergliederung des Unbewußten, der Verdrängung und der Regression im Sinne der Psychoanalyse sowie des scheinbar

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freien Aufsteigens von Vorstellungen und Willensimpulsen heranzutreten.

Schon im Jahre 1918 hat der Schreiber dieser Zeilen in einem für ein größeres Publikum bestimmten Artikel über die hier erörterten Forschungen von Volterra, Fredholm und Schmidt berichtet und auf deren Bedeutung für die Biologie und das psychophysische Problem hingewiesen; es scheint aber, daß die Vertreter der Biologie und der Psychologie weder von dieser Publikation, noch von den anderen hier erwähnten Arbeiten irgendwie Notiz genommen haben und so mußten viele Jahre vergehen, bis vor kurzem erst, der berühmte englische Mathematiker und Philosoph, Bertrand Russell, in seinen Büchern: „The Analysis of Mind“ und „Philosophy“ die Phänomene der „mnemic causation“ wiederum einer philosophischen Betrachtung unterzogen hat. Auch Russell unterscheidet jene beiden ganz verschiedenen Typen der Kausalität: solche, wo die Wirkung immer nur von dem augenblicklichen Zustande des betrachteten Gegenstandes und seiner gesamten Umgebung sowie dem unmittelbar vorausgegangenen abhängt, und solche, bei denen eben zugleich auch alle in der Vergangenheit schon durchlaufenen Zustände für die Gegenwart entscheidend sind. Aus solche Weise beabsichtigt Russell, mit dem scholastischen Gespenst der „intentionalen Inexistenz“ gründlich und für immer aufzuräumen und er nähert sich damit in gewissem Sinne auch Goethes Ansichten, der ja den Gedanken Albrecht von Hallers schroff abgelehnt hatte, daß in das „Innere der Natur“ kein erschaffener Geist einzudringen vermöge. Bertrand Russells Leitsatz, die oberste Maxime alles wissenschaftlichen Philosophierens bestehe darin, „daß man überall dort, wo es nur möglich erscheine, den Schluß auf irgendwelche Wesenheiten durch logische Konstruktionen zu

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ersetzen habe“, entspricht durchaus dem Entwicklungsgange und dem Geiste des modernen exakten Denkens, welches sich immer wieder zur Aufgabe macht, weder bei „inneren“, okkulten Qualitäten noch bei bloß sinnlich anschaulichen „Gegebenheiten“ stehen zu bleiben, sondern, im Sinne des platonischen λόγον διδόναι, immer wieder eine klare Rechenschaft vor dem Richterstuhl des autonomen Denkens fordert. Diese fortschreitende Logisierung und die an die Pythagoräer gemahnende, schließliche Arithmetisierung alles Seienden, bildet die eigentliche Charakteristik der modernen, und vielleicht auch jene der zukünftigen Wissenschaft.

Die mathematisch-naturwissenschaftliche Behandlung der Heredität und des Gedächtnisses ist nicht allein besonders geeignet, uns ein Naturbild von größerer Einheitlichkeit und innerer Harmonie zu verschaffen: was uns insbesondere, vom Standpunkt der Psychologie aus, vor allem interessieren muß, ist der Ausblick auf die Möglichkeit einer neuen, streng wissenschaftlichen Analyse des Unbewußten. Zwar hatte schon vor einigen Dezennien Richard Semon, im Anschlusse an Ewald Herings berühmte Vorlesung „Über das Gedächtnis als eine allgemeine Funktion der organisierten Materie“, den Versuch unternommen, die „Mneme“ als ein „erhaltendes Prinzip im Wechsel des organischen Geschehens“ darzustellen, aber, abgesehen von dem Umstande, daß hier auf den Zusammenhang mit den Vorgängen der anorganischen Welt gar keine Rücksicht genommen wird, sind auch die Begriffe der „Mneme“, des „Engrammes“ und der „Ekphorie“ selbst viel zu vage und haben zu sehr den Charakter bloßer Analogiebilder, als daß ihnen eine wirklich wissenschaftliche Bedeutung zuzuerkennen wäre. Da erscheinen uns doch die Ansätze, die sich auch in dieser Richtung bei Leibniz finden, viel bedeutungsvoller und

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aussichtsreicher. Hatte dieser doch in einem Briefe an Conring aus dem Jahre 1678 mit Rücksicht auf die Probleme des Lebendigen und des Bewußtseins geschrieben, daß wir eine Erscheinung, die sich aus Größe, Gestalt und Bewegung nicht erklären ließe, niemals verstehen könnten, „selbst wenn ein Engel vom Himmel herabkäme, um sie uns begreiflich zu machen“.

Die einzige Art aber, wie wir einen Naturprozeß zu begreifen vermögen, ist eben die Erkenntnis des mathematisch funktionalen Zusammenhanges, und neue, bis dahin noch unverstandene Typen des Geschehens, wie etwa die des Gedächtnisses, der Vererbung und des Unbewußten, erfordern, wie wir gesehen haben, die Hilfsmittel ganz neuer, eventuell noch zu entdeckender mathematischer Methoden und Beziehungen.

Die Erscheinungen der Vererbung und des Gedächtnisses gehören eben in die gleiche Klasse von Vorgängen, wie sie etwa beim Hervorsprossen der im Keime verborgenen Anlagen bei Tieren und Pflanzen sichtbar werden; hier haben wir es mit Phänomenen der Nahewirkung und doch zugleich auch mit solchen von zeitlicher Fernwirkung zu tun. Um das stetige Wachstum der Organismen und die dabei auftretenden Strebungen, Tendenzen und „derivativen Kräfte“ zu begreifen, dazu bedürfen wir nach Leibniz der Begriffe des Infinitesimalen, des Differentials und insbesondere der höheren Differentiale, denenzufolge das kleinste Stück einer Kurve oder der Bahn eines bewegten Punktes, deren ganze fernere Erstreckung und ihren Verlauf mit allen Eigenheiten vorauszusagen erlaubt, analog wie auch das Bewußtsein selbst sich nach Leibniz aus den mehr oder weniger unbewußten „petites perceptions“ integrieren sollte.

Für die zeitliche Fernwirkung bei der Heredität und dem

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Gedächtnis aber kommen wir, wie schon auseinandergesetzt, mit den gewöhnlichen Methoden der Differentialgleichungen nicht aus, hierzu bedarf es eben überdies jener neuen über Leibniz und Newton hinausgehenden Methoden und Hilfsmittel, der schon erwähnten „Linienfunktionen“ Volterras.

Bei dieser neuen Physik der Heredität haben wir es mit einem Verfahren zu tun, welches Ansätze enthält, um einmal vielleicht den bisnun so rätselhaft erscheinenden Phänomenen des Unbewußten in der gleichen Weise mathematisch nachzuspüren wie jenen der analytischen Mechanik oder der Elektrodynamik, indem schließlich die zeitliche Fernwirkung von Gedächtnis und Vererbung als der Effekt von elastischen Kräften dargestellt wird.

Ob die Psychoanalyse und die Psychiatrie einmal auch imstande sein werden, aus den Resultaten dieser theoretischen Untersuchungen irgend welche praktischen Konsequenzen zu ziehen, so daß jene ganz abstrakten mathematischen Untersuchungen in einer späteren Zeit auch auf die biologische Forschung und vielleicht sogar auf die Heilkunde Einfluß gewinnen werden, bleibt abzuwarten; der Umstand, daß dies bis jetzt noch nicht geschehen ist, berechtigt keineswegs zu der Annahme, daß es auch in alle Zukunft niemals der Fall sein werde.

Veröffentlicht in:
Eckstein, Friedrich (1930): Das Unbewußte, die Vererbung und das Gedächtnis: Im Lichte der mathematischen Naturwissenschaft
Almanach der Psychoanalyse, 5, 44-60
Redaktion: CD, 29.12.2016