Wissensplattform für Psychoanalyse

 

Sie sind hier

Kurt Robert Eissler und August Aichhorn

Eissler, Analysand und enger Mitarbeiter Aichhorns in der Erziehungsberatungsstelle der WPV, war dessen erklärter Lieblingsschüler. Von ihrer Freundschaft zeugt der Briefwechsel, den sie von 1945 bis zu Aichhorns Tod 1949 geführt haben. Während dieser Jahre versorgte Eissler Aichhorn mit einer Unzahl von Paketen.

Anna Freud schreibt an Kurt Eissler am 31. 5. 1948:
„I met Aichhorn at Easter time in Switzerland where we gave a joint course to Swiss Child Guidance Workers. It was a great pleasure to see him again. He is absolutely the same as before, but in some curious way even more so. All his human qualities are standing out in a very significant way, perhaps only more so than before because we have missed him for such a long time. He told me too what care you are taking of him from the distance, and I suppose this is largely responsible for the fact that he really does not seem ‘hungry’ for anything. So we exchanged our views about your generosity and found them very much alike” (ALCW).

Während Aichhorns letztem Lebensjahr war seine Arbeitsfähigkeit und damit auch seine Möglichkeit, Geld zu verdienen, äußerst eingeschränkt. Um ihn zu unterstützen, hatte Eissler mit Aichhorns altem Freund Ludwig Jekels als Präsident und mit Paul Kramer, Chikago, einem früheren Analysanden und Freund Aichhorns, einen August-Aichhorn-Fund ins Leben gerufen, dessen Kassier er war.

Er schreibt am 8. 6. 1949 an Anna Freud:
„I assume that you have heard in the meantime that Professor Aichhorn recovered. […] There is no reason to worry about him, concerning his financial situation, since a few months ago an August-Aichhorn-Fund was established here and he will be provided with regular contributions which should suffice for his living-expenses. I only fear that he will hesitate to use this money for personal expenses, but will feel to be under the obligation of using the money for research” (AFP/LoC).

In späteren Jahren war Eissler einer derjenigen, die Anna Freud regelmäßig dabei unterstützten, in den USA die für die Hampstead Clinic notwenigen finanziellen Mitteln zu bekommen. 1999 ist Eissler in New York gestorben. 

K. R. Eissler schreibt in seinem Beitrag zu Searchlights on Delinquency:
„In Aichhorns Händen wurde Freuds Methode, die auf die Behandlung von Neurotikern abzielte, scheinbar zu einem völlig neuen Instrument, so verschieden schien sie von ihrem Original. Obgleich seine Methode grundsätzlich analytisch blieb, war sie doch den besonderen Anforderungen der Persönlichkeitsstruktur des Verbrechers, die so verschieden von der des Neurotikers ist, angepasst. […] Aber für diejenigen, die das Privileg hatten, mit ihm zu arbeiten, erschien Aichhorns Persönlichkeit das faszinierendste Erlebnis. […] Spiel und Arbeit war bei ihm eins. Trotz seiner Hingabe an die Verwahrlostenbehandlung behielt er die Fähigkeit, die Abenteuerlichkeit des Verbrechens zu genießen und das Verständnis für den Genuss, den der Kriminelle empfindet, wenn er jene Gesetze übertritt, vor denen die übrige Gesellschaft sich beugt“ (Zitiert nach der deutschen Fassung, die seit der 3. Auflage der Verwahrlosten Jugend beigefügt ist). Eissler hat in der englischen Fassung mit dem Satz geschlossen: „Thus he is truly young, but spared the hardship of youth, and truly happy because oblivious of his own genius” (Eissler, 1949a).

Text: Thomas Aichhorn, 2008
Redaktion: CD, 2011