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Ferenczi, Sándor (1910 1927): Zur Organisation der psychoanalytischen Bewegung.

Ferenczi, Sándor (1910 1927): Zur Organisation der psychoanalytischen Bewegung.

In: Bausteine der Psychoanalyse. Band III, 275-289. Leipzig: Internationaler Psychoanalytischer Verlag. 1927.

Editorische Anmerkungen:
Ferenczi schlug auf dem II. Psychoanalytischen Kongress in Nürnberg (1910) vor, „daß sich die wissenschaftlichen Arbeiter der Psychoanalyse zu einer“›Internationalen Vereinigung“ zusammenschließen mögen. (Ferenczi 1927, Bausteine der Psychoanalyse, Band III, 275)
Er gab damit den entscheidenden Anstoß zur Gründung der IPV auf diesem Kongress.

Darüber berichtete Ferenczi (1910a): Referat über die Notwendigkeit eines Zusammenschlusses der Anhänger der Freudschen Lehre und Vorschläge zur Gründung einer ständigen internationalen Organisation. In: Zentralblatt für Psychoanalyse I, 1910-11.

Der hier vorliegende Text wurde 1927 publiziert:
Ferenczi, Sándor (1927): Bausteine der Psychoanalyse. Band III, 275-289. Leipzig: Internationaler Psychoanalytischer Verlag.

Die Psychoanalyse ist zwar eine noch junge Wissenschaft, ihre Geschichte aber schon reich genug an Ereignissen, die es der Mühe wert erscheinen lassen, für einen Augenblick in der Arbeit innezuhalten, die bisherigen Ergebnisse zu überblicken, Erfolge und Mißerfolge abzuwägen. Eine solche kritische Übersicht könnte unsere künftige Tätigkeit durch das Aufgeben unzweckmäßiger Arbeitsweisen ökonomischer, durch die Anwendung neuer, geeigneterer Methoden fruchtbringend gestalten. Solcher Bilanzen bedarf es im wissenschaftlichen Betrieb nicht minder als in Handel und Gewerbe. Die Kongresse - gewöhnlich nur Jahrmärkte der Eitelkeit, effektvoll aufgemachte Premieren wissenschaftlicher Neuigkeiten - hätten eigentlich die Aufgabe, solche wissenschaftspolitischen Probleme zu lösen. 

Wie alle Neuerer und Bahnbrecher, hatten auch wir für unsere Sache nicht nur zu arbeiten, sondern auch zu kämpfen. Vom objektiven Standpunkt gesehen, ist die Psychoanalyse allerdings reine Wissenschaft, die die Lücken unseres Wissens über die Determiniertheit des seelischen Geschehens auszufüllen bestrebt ist. Aber diese rein wissenschaftliche Frage rührt so empfindlich an den wichtigsten Grundlagen des täglichen Lebens, an gewissen uns liebgewordenen Idealen, an den Dogmen des Familienlebens, der Schule, der Kirche, stört nebstbei so unangenehm die beschauliche Ruhe der Nervenärzte, die die parteilosen Richter über unsere Arbeit sein sollten, daß wir uns nicht wundern können, wenn man uns statt mit Tatsachen und Argumenten, mit wüstem Geschimpfe empfing. So wurden wir, sehr gegen unseren Wunsch, in einen Krieg verwickelt, in dem, - wie bekannt, die Musen schweigen, die Leidenschaften aber um so lauter toben, und auch Waffen für erlaubt gelten, die nicht aus dem Arsenal der Wissenschaft genommen sind. Es erging uns, wie den Friedenspropheten, die für die Verwirklichung ihrer Ideale - Krieg führen müssen.

Die erste, ich möchte sagen, heroische Periode der Psychoanalyse, waren die zehn Jahre, in welchen Freud ganz allein den Angriffen begegnen mußte, die man von allen Seiten und mit allen erdenklichen Mitteln gegen die Psychoanalyse richtete. Man versuchte es zuerst mit dem altbewährten Mittel des Totschweigens, dann kamen Verhöhnung, verächtlicher Spott, sogar Verleumdung an die Reihe. Der einstige Freund, dann sein anfänglicher Mitarbeiter ließen ihn im Stich, und die einzige Art des Lobes, das man ihm spendete, war das Bedauern, daß sein Talent das Opfer solcher ungeheueren Verwirrung werden konnte. 

Es wäre erheuchelte Gleichgültigkeit, hielten wir mit dem Ausdruck unserer Bewunderung darüber zurück, daß Freud, ohne sich um die sein Ansehen schmälernden Angriffe viel zu kümmern und trotz der empfindlichen Enttäuschung, die ihm auch Freunde bereiteten, auf dem einmal als richtig erkannten Weg beharrlich weiterschritt. Mit dem bitteren Humor eines Leonidas konnte er sich sagen: im Schatten der Verkanntheit werde ich wenigstens ruhig arbeiten können. Und so geschah es, daß diese Jahre der Verkanntheit für ihn Jahre des Heranreifens unvergänglicher Ideen und des Schaffens der bedeutsamsten Werke wurden. Welch unersetzlicher Schaden wäre es gewesen, hätte sich Freud statt dessen mit unfruchtbarer Polemik abgegeben. Die Angriffe, die gegen die Psychoanalyse gerichtet wurden, haben ja in der Überzahl der Fälle kaum die Beachtung verdient. Es waren zum Teil ohne jede persönliche Erfahrung, mit vorgefaßter Meinung, aus billigen Witzen und Schimpfwörtern zusammengefaßte Kritiken und Artikel. Manche hatten offensichtlich keinen anderen Zweck als den, das Wohlgefallen der einflußreichen Gegner der Analyse für sich zu gewinnen; es hätte sich gewiß nicht gelohnt, sich mit diesen abzugeben. Die offiziellen Größen der Psychiatrie begnügten sich aber meistens damit, von ihrer olympischen Höhe mit etwas komisch wirkendem Selbstbewußtsein ihr Verdammungsurteil herunterzudonnern, ohne sich die Mühe zu nehmen, dieses Urteil irgendwie zu begründen. Ihre stereotypen Phrasen begannen denn auch langweilig zu werden, sie verfielen dem Schicksal monotoner Geräusche, man überhörte sie und konnte ruhig weiterarbeiten. Das Nichtreagieren auf unwissenschaftliche Kritiken, das Meiden jeder sterilen Polemik bewährte sich also im ersten Verteidigungskampf der Psychoanalyse.

Die zweite Periode wird durch das Auftreten der Züricher gekennzeichnet, deren Verdienst es war, Freuds Ideen durch ihre Verknüpfung mit Methoden der Experimentalpsychologie auch für jene zugänglich gemacht zu haben, die zwar auch aufrichtig nach der Wahrheit suchten, die aber ihre Ehrfurcht vor der ›Exaktheit‹ von Freuds Forschungen, die mit aller hergebrachten psychologischen Forschungsmethode brachen, zurückschrecken ließ. Die Mentalität dieser Gruppe kenne ich aus eigener Erfahrung; auch ich kam erst später zur Einsicht, daß die ›Exaktheit‹ der vorfreudschen Psychologie eine Art Selbstbetrug, ein Deckmantel ihrer Gehaltlosigkeit war. Die experimentelle Psychologie ist allerdings exakt, aber wir können sehr wenig von ihr lernen; die Psychoanalyse ist ›unexakt‹, aber sie zeigt uns ungeahnte Zusammenhänge und deckt bis dahin unzugänglich gewesene Schichten der Seele auf. (FN 1) 

(FN 1): Es kann natürlich nicht zugegeben werden, daß nur die wägbaren und meßbaren Objekte der Erfahrung, also nur naturwissenschaftliche Beobachtungen und Experimente, verläßlich zu nennen sind. Auch innere Erlebnisse, also psychische Realitäten (und mit diesen beschäftigt sich jede introspektive Psychologie), können den Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen abgeben.

Gleichwie nach Amerigo auf den durch Columbus entdeckten Weltteil, so strömten neue Arbeiter auf das von Freud erschlossene wissenschaftliche Gebiet, und ähnlich den Pionieren der Neuen Welt führten und führen sie eben Guerillakrieg. Ohne einheitliche Lenkung, ohne taktische Zusammenarbeit kämpft und arbeitet jeder auf dem von ihm eroberten Stück Land. Nach Gutdünken besetzt jeder den Teil des riesigen Gebietes, der ihm gefällt, und wählt die ihm zusagende Art der Arbeit, des Angriffs und der Verteidigung. Unermeßlich waren die Vorteile dieses Guerillakrieges, solange es nur darum zu tun war, gegen den übermächtigen Gegner Zeit zu gewinnen und die neugeborenen Ideen davor zu schützen, im Keime erstickt zu werden. Die freie, durch keine Rücksicht auf andere gehemmte Bewegung erleichtert jedem die Anpassung an die gerade gegebenen Verhältnisse, an das Maß des Verständnisses, an die Stärke des Widerstandes. Auch daß jede Autorität und Bevormundung, jede Disziplin fehlte, steigerte nur die Selbständigkeit, die bei solcher Vorpostenarbeit unentbehrlich ist. Es fand sich sogar ein Menschenschlag, dessen Sympathie gerade durch diese ›irreguläre‹ Arbeitsweise gewonnen wurde; ich meine die Leute mit künstlerischer Begabung, die nicht nur ein ahnendes Verstehen der uns beschäftigenden Probleme, sondern auch unsere Auflehnung gegen den Scholastizismus in der Wissenschaft in unser Lager führte, und die nicht unerheblich zur Verbreitung der Freudschen Ideen beitrugen. 

Aber aus dem Guerillakrieg erwuchs nebst diesen Vorteilen allmählich auch so mancher Nachteil. Der vollständige Mangel jeder Führung brachte es mit sich, daß bei einzelnen das spezielle wissenschaftliche und persönliche Interesse zum Schaden der Gesamtinteressen, ich möchte sagen, der ›zentralen Ideen‹ überhand nahm. Der doktrinäre Liberalismus wird daraus dem Guerillakampf keinen Vorwurf machen; im Gegenteil, er wird betonen, daß die Wissenschaft ›frei‹ bleiben muß. Aber gerade die Psychoanalyse und die analytische Selbstkritik hat jeden von uns davon überzeugen können, daß ein Mensch, der allein, ohne Freunde, Hilfe und Korrektur, die eigenen, oft unzweckmäßigen Tendenzen und Neigungen richtig erkennen und sie im Interesse der Gesamtheit bändigen kann, zu den Ausnahmen gehört, und daß ein gewisses Maß von gegenseitiger Kontrolle auch auf wissenschaftlichem Gebiet nur günstig wirken kann; daß also die Respektierung gewisser Kampfregeln, ohne die Freiheit der Wissenschaft zu gefährden, deren ökonomische und ruhige Entwicklung nur fördern kann. Es wäre auch zu bedenken, daß, wenn ein sehr wertvoller und talentierter Teil der Gesellschaft uns gerade wegen unserer Unorganisiertheit sympathisch findet, die an Ordnung und Disziplin gewohnte Mehrzahl aus unserer Irregularität nur neuen Stoff zum Widerstand schöpft. Es dürfte auch zahlreiche Anhänger geben, die, obzwar sie mit uns halten, vielleicht sogar im stillen für uns arbeiten, zur ›individuellen Aktion‹ nicht taugen, sich aber gerne einer Organisation anschlössen, was uns einen nicht unbedeutenden Zuwachs an Arbeitsgenossen bedeuten könnte. In den Augen der großen Menge sind wir, so wie wir jetzt sind, nur undisziplinierte Schwärmer. Der Name Freud, der auf unserem Banner steht, ist doch nur ein Name und läßt es nicht ahnen, wie viele sich schon mit den Ideen befassen, die von ihm ausgingen und welche Arbeit die Psychoanalyse bereits geleistet hat. So verlieren wir sogar jenes Maß von ›Massenwirkung‹, die uns schon kraft unserer Zahl mit Recht zukommt, auch wenn wir vom spezifischen Gewicht der einzelnen Persönlichkeiten und deren Ideen absehen. Kein Wunder, wenn den Laien, den psychologisch ungeschulten Ärzten, in manchen Ländern selbst den Psychologen vom Fach, dieser neue Zweig der Wissenschaft bis heilte sozusagen unbekannt blieb, und daß wir den meisten Ärzten, von denen wir um fachlichen Rat angerufen werden, über die elementarsten Begriffe der Psychoanalyse einen Vortrag halten müssen. Hillel, der jüdische Rabbi, ging in seiner Geduld so weit, daß er selbst jenem ihn verhöhnenden Heiden Antwort gab, der ihn aufforderte, ihn in der kurzen Zeit, solange er auf einem Bein stehen kann, mit den Grundgesetzen seiner Religion bekannt zu machen. Ich weiß nicht mehr, ob er mit seiner Antwort den Heiden bekehrte, aber daß eine diesem ähnliche Art des Unterrichts und der Verbreitung der Psychoanalyse nicht sehr erfolgreich ist, kann ich aus eigener Erfahrung behaupten. Daraus aber, daß man uns nicht kennt und nicht anerkennt, erwachsen viele Nachteile; wir sind sozusagen heimatlos und mit den Leitern der reich ausgestatteten Kliniken und experimentellen Laboratorien verglichen nur arme Teufel, die doch unmöglich etwas wissen können, was den reichen Verwandten noch unbekannt ist. 

Die Frage, die ich jetzt aufwerfe, ist nun die: wiegen die Vorteile des Guerillakampfes seine Nachteile auf? Sind wir berechtigt, zu erwarten, daß diese Nachteile von selbst, ohne zweckmäßige Eingriffe verschwinden werden? Wenn nicht, sind wir gentig an Zahl und genügend stark, um uns organisieren zu können? Und schließlich: Welche Maßregeln wären möglich und derzeit empfehlenswert, um unseren Verein zweckmäßig, stark und dauerhaft zu fundieren? 

Auf die erste Frage kann ich ohne Zögern antworten; ich wage die Behauptung, daß unsere Arbeit durch die Organisation mehr gewinnen als verlieren würde. 

Ich kenne die Auswüchse des Vereinslebens und weiß, daß in den meisten politischen, geselligen und wissenschaftlichen Vereinen infantiler Größenwahn, Eitelkeit, Anbetung leerer Formalitäten, blinder Gehorsam oder persönlicher Egoismus herrschen, anstatt ruhiger, ehrlicher Arbeit für das Gesamtinteresse.

Die Vereine wiederholen in ihrem Wesen und ihrem Aufbau die Züge des Familienlebens. Der Präsident ist der Vater, dessen Aussprüche unwiderlegbar, dessen Autorität unverletzbar sind; die anderen Funktionäre sind die älteren Geschwister, die die jüngeren hochmütig behandeln und dem Vater zwar schmeicheln, aber ihn im ersten geeigneten Moment von seinem Thron stürzen wollen, um sich an seine Stelle zu setzen. Die große Masse der Mitglieder, soweit sie nicht willenlos dem Führer folgt, gibt bald diesem, bald jenem Aufwiegler Gehör, verfolgt mit Haß und Neid die Erfolge der Älteren und möchte sie aus der Gnade des Vaters ausstechen. Das Vereinsleben ist das Feld, auf dem sich die sublimierte Homosexualität als Anbetung und Haß ausleben kann, Es scheint also, daß sich der Mensch seiner Familiengewohnheiten nie entledigen kann und er wirklich das Herdentier ist, das ›Zoon politikon‹, zu dem ihn der griechische Philosoph stempelte. Mag es sich zeitlich und räumlich von seiner eigentlichen Familie noch so weit entfernen, es sucht immer wieder die alte Ordnung herzustellen, in einem Vorgesetzten, dem angebeteten Helden oder Parteiführer den Vater, in den Mitarbeitern die Geschwister, in dem ihm angetrauten Weib die Mutter, in seinen Kindern sein Spielzeug wiederzufinden. Selbst bei uns noch unorganisierten Analytikern pflegt sich - wie ich es bei zahlreichen Kollegen und bei mir selbst feststellen konnte, die Gestalt des Vaters mit der unseres geistigen Führers zu einer Traumperson zu verdichten. Alle sind wir geneigt, den hochgeschätzten, aber gerade wegen seines geistigen Übergewichts innerlich schwer zu ertragenden geistigen Vater in unseren Träumen in mehr oder weniger verhüllter Form zu überflügeln, ihn zu stürzen. 

Es hieße also der menschlichen Natur Gewalt antun, wollten wir das Prinzip der Freiheit auf die Spitze treiben und die ›Familienorganisation‹ umgehen. Denn obzwar wir jetzt der Form nach unorganisiert sind, leben wir Analytiker doch schon untereinander in einer Art Familiengemeinschaft, und es ist meiner Meinung nach richtiger, dieser Tatsache auch in der äußeren Form Rechnung zu tragen. 

Das ist aber nicht nur eine Frage der Aufrichtigkeit, sondern auch eine der Zweckmäßigkeit, denn die eigensüchtigen Strebungen lassen sich durch gegenseitige Kontrolle leichter im Zaume halten. Gerade psychoanalytisch geschulte Mitglieder wären am besten dazu berufen, einen Verein zu gründen, der die größtmögliche persönliche Freiheit mit den Vorteilen der Familieaorganisation verbindet. Dieser Verband wäre eine Familie, in der dem Vater keine dogmatische Autorität zukommt, sondern gerade so viel, als er durch seine Fähigkeiten und Arbeiten wirklich verdient; seine Aussprüche würden nicht blind wie göttliche Offenbarungen befolgt, sondern wie alles andere Gegenstand einer eingehenden Kritik, und er selbst nähme diese Kritik nicht mit der lächerlichen Überhebung des Pater familias auf, sondern würdigte sie entsprechender Beachtung. 

Auch die in diesem Verband vereinigten jüngeren und älteren Geschwister würden ohne kindische Empfindlichkeit und Rachsucht ertragen, daß man ihnen die Wahrheit ins Gesicht sagt, so bitter und ernüchternd sie auch sei. Daß man auch bestrebt wäre, die Wahrheit zu sagen, ohne überflüssigen Schmerz zu verursachen, versteht sich bei dem heutigen Stand der Kultur und im zweiten Jahrhundert der chirurgischen Anästhesie von selbst. 

Ein solcher Verein, der selbstverständlich erst nach längerer Zeit diese ideale Höhe erreichen könnte, hat sehr viel Aussicht auf ersprießliche Arbeitsleistung. Wo man sich gegenseitig die Wahrheit sagen kann, wo bei jedem ohne Neid, richtiger: unter Bändigung des natürlichen Neides, die wirklichen Fähigkeiten anerkannt werden und auf die Empfindlichkeit der Eingebildeten keine Rücksicht genommen wird, dort wird es wohl unmöglich sein, daß einer, der zwar ein feines Gefühl für Einzelheiten hat, aber in abstrakten Dingen unbegabt ist, sich in den Kopf setzt, die Wissenschaft theoretisch zu reformieren; ein anderer wird sein Bestreben, die eigenen, vielleicht wertvollen, aber recht subjektiven Bestrebungen, alle anderen Erfahrungen außer acht lassend, zur Grundlage der ganzen Wissenschaft machen zu wollen, unterdrücken; der dritte wird zur Kenntnis nehmen, daß die überflüssige Aggressivität seiner Schriften nur den Widerstand steigert, ohne der Sache zu dienen; den vierten wird der freie Meinungsaustausch überzeugen, daß es töricht ist, auf etwas Neues sofort mit seinem Besserwissenwollen zu reagieren.

Das sind ungefähr die Typen, die heutzutage in Vereinen überhaupt, aber auch unter uns auftauchen, die aber in einer psychoanalytischen Organisation, wenn auch nicht ganz auszurotten, so doch besser zu kontrollieren wären. Die autoerotische Periode des Vereinslebens würde allmählich durch die fortgeschrittene der Objektliebe abgelöst, die nicht mehr im Kitzel der geistigen erogenen Zonen (Eitelkeit, Ehrgeiz), sondern in den Objekten der Beobachtung selbst Befriedigung sucht und findet. 

Ich bin überzeugt, daß eine auf Grund dieser Prinzipien arbeitende psychoanalytische Vereinigung günstige innere Bedingungen zur Arbeit schüfe, aber auch imstande wäre, sich nach außen Achtung zu verschaffen. Den Lehren Freuds wird immer noch großer Widerstand entgegengesetzt, aber seit der zweiten, der ›Guerilla‹-Periode, ist eine gewisse Abschwächung des starren Negativismus unverkennbar. Wenn wir uns mit saurer Miene an die unfruchtbare und unangenehme Arbeit machen, die gegen die Psychoanalyse vorgebrachten Argumente einzeln anzuhören, kommen wir darauf, daß dieselben Autoren, die noch vor einigen Jahren das Ganze totschwiegen oder exkommunizierten, heute von der Breuer-Freudschen ›Katharsis‹ als von einer beachtenswerten, sogar geistreichen Lehre sprechen; natürlich verwerfen sie dafür alles, was nach dem Zeitalter des ›Abreagierens‹ entdeckt und beschrieben wurde. Mancher geht in seiner Kühnheit so weit, das Unbewußte und die Methoden seiner analytischen Erkenntnis anzuerkennen, schrickt aber vor den Problemen der Sexualität zurück. Anständigkeit wie auch weise Vorsicht halten ihn von solchen gefährlichen Dingen ab. Manche erklären die Folgerungen der Jünger für richtig, aber vor dem Namen Freud haben sie eine Angst wie vor dem leibhaftigen Teufel. Daß sie sich dabei der logischen Absurdität des ›filius ante patrem‹ schuldig machen, vergessen sie vollständig. Die gewöhnlichste und verwerflichste Art der Akzeptierung von Freuds Theorien ist wohl die, daß man sie neu entdeckt und unter neuem Namen in Verkehr bringt. Denn was ist die ›Erwartungsneurose‹ anderes, als die unter falscher Flagge segelnde ›Angstneurose‹ von Freud? Wer von uns weiß es nicht, daß ein geschickter Kollege unter dem Namen ›Phrenokardie‹ nur einige Symptome der Freudschen Angsthysterie als eigene Entdeckung auf den wissenschaftlichen Markt gebracht hat? Und war es nicht selbstverständlich, daß, so wie das Wort ›Analyse‹ auftauchte, jemand einfach contrario den Begriff der ›Psychosynthese‹ prägen mußte. Daß eine Synthese ohne vorhergehende Analyse unmöglich ist, das vergaß natürlich der Betreffende gebührend hervorzuheben. So droht denn der Psychoanalyse von solchen Freunden noch mehr Gefahr, als von feindlicher Seite. Uns droht sozusagen die Gefahr, in Mode zu kommen, womit die Zahl derjenigen, die sich Analytiker nennen, ohne es zu sein, gar bald ansehnlich wachsen dürfte.

Wir können aber die Verantwortung für all die Unvernunft nicht tragen, die man unter dem Namen Psychoanalyse auftischt, wir haben also außer unseren Publikationsorganen einen Verein nötig, deren Mitgliedschaft einige Garantie dafür bietet, daß wirklich Freuds psychoanalytisches Verfahren und nicht eine zum eigenen Gebrauch zurechtgebraute Methode angewendet wird. Eine spezielle Aufgabe des Vereins wäre es, die wissenschaftliche Freibeuterei, deren Opfer die Psychoanalyse heute ist, zu entlarven. Genügende Sorgfalt und Vorsicht bei der Aufnahme neuer Mitglieder würde es ermöglichen, den Weizen von der Spreu zu sondern. Der Verein sollte sich eher mit einer kleinen Mitgliederzahl begnügen, als Leute aufnehmen oder beibehalten, die in prinzipiellen Fragen noch keine feste Überzeugung gewonnen haben. Ersprießliche Arbeit ist ja nur dort denkbar, wo bezüglich der Grundfragen Übereinstimmung herrscht. Daß die Stellungnahme für diesen Verein heutzutage einen persönlichen Mut und den Verzicht auf akademischen Ehrgeiz voraussetzt, ist nicht zu leugnen. Es soll aber den zukünftigen Mitgliedern zum Trost gereichen, daß wir nicht so sehr auf materielle und andersartige fremde Hilfe angewiesen sind, wie die medizinischen Kliniken. Wir brauchen keine Krankenhäuser, Laboratorien und kein liegendes Krankenmaterial<; unser Material ist die große Masse der Neurotiker, die in allen ihren Hoffnungen, im Glauben an die ärztliche Wissenschaft getäuscht, sich an uns wendet. Und daß wir selbst diesen, ja, gerade diesen Unglücklichen so oft helfen können, kann uns zu größerer Befriedigung gereichen, als die in den prunkvollen Kliniken geübte nichtanalytische Danaidenarbeit. 

Wenn wir die seit Jahrzehnten dauernde Stockung in der Psychologie, Neurologie, Psychiatrie und Gehirnanatomie mit unserer lebensvollen, fast überquellenden, kaum zu bewältigenden Arbeit vergleichen, so sind wir für den Entgang an äußerer Anerkennung vollauf entschädigt. 

Ich habe vorhin erwähnt, wie zweckmäßig es war, daß Freud seinerzeit die vielen sinnlosen Angriffe außer acht ließ. Aber es wäre unrichtig, dies als Losungswort des zu gründenden Vereins anzunehmen. Es ist nötig, von Zeit zu Zeit auf die Armseligkeit der Gegenargumente hinzuweisen, was bei der schwachen Begründung und der Gleichförmigkeit der Angriffe keine allzu schwierige Aufgabe sein dürfte. 

Mit ermüdender Eintönigkeit kehren immer wieder dieselben logischen, moralischen und medizinischen Gegenargumente wieder, so daß man sie förmlich registrieren kann. Die Logiker erklären unsere Behauptungen für Einbildung und Unsinn. All die Unlogik und alles Unverständliche, das der Neurotiker in seinem Unbewußten produziert und das die Assoziationen an die Oberfläche bringen, wird uns in die Schuhe geschoben. 

Die Sittenrichter schrecken vor dem sexuellen Material unserer Forschungen zurück und führen einen Kreuzzug gegen uns. Sie unterschlagen dabei gewöhnlich, alles, was daran erinnern könnte, was Freud über die Bändigung, die Sublimierung der analytisch aufgedeckten Triebe geschrieben hat. Wer weiß, eine wie große Rolle die unbewußte Sexualität in der nicht analytischen Psychotherapie spielt, könnte diese Beschuldigungen hypokritisch nennen; und doch sind sie nur Affektwirkungen, die die Unwissenheit entschuldigt. 

Auch das ist interessant, daß, obzwar man sonst gewöhnlich von der ›Verlogenheit‹ und ›Unzurechnungsfähigkeit‹ der Hysterischen faselt, man doch gerne alles glaubt, was etwa ungeheilte Kranke mit noch nicht vollem Verständnis über die Analyse klatschen. 

Manche behaupten, die Analyse als therapeutische Methode helfe nur suggestiv. Angenommen, aber nicht zugegeben, daß dem so ist, ist es wohl richtig, eine wirksame Methode der suggestiven Therapie a limine zurückzuweisen? Das zweite Gegenargument ist, daß sie ›nichts nützt‹. Davon ist nur soviel wahr, daß die Analyse nicht alle Arten von Neurosen beheben kann und meist nicht schnell hilft, und daß die seit der Kindheit ›schief gewickelte‹ Persönlichkeit eines Menschen herzurichten, oft mehr Zeit kosten würde, als die Geduld des Patienten und besonders seiner Angehörigen reicht. Der dritte Kritiker sagt, daß die Analyse schädlich ist; er meint damit offenbar die manchmal heftigen, aber zum Wesen der Kur gehörigen Reaktionen, nach denen gewöhnlich Perioden der Erleichterung folgen. 

Das letzte Gegenargument ist das, daß der Analytiker nur Geld verdienen will; es entspringt augenscheinlich nur der Verleumdungsneigung von Menschen, deren Vorrat an objektiven Argumenten erschöpft ist. Solche Beschuldigungen bringt auch mancher Patient; sehr oft gerade dann, wenn er - im Begriff, unter der Last der neuen Erkenntnisse einzulenken - noch einen letzten verzweifelten Versuch macht, krank zu bleiben. 

Die logischen, ethischen und therapeutischen Ausflüchte der ärztlichen Kreise sind überhaupt auffallend ähnlich den dialektischen Reaktionen, die der Widerstand gegen die Kur bei unseren Kranken auszulösen pflegt. Aber gleichwie die Bekämpfung der Widerstände des einzelnen Neurotikers psychotechnisches Wissen und zielbewußte Arbeit erfordert, so verdient auch der Massenwiderstand (z. B. das Benehmen der Ärzte den Lehren der Analyse gegenüber), daß wir uns mit ihm planmäßig und fachgemäß beschäftigen, und ihn nicht wie bis jetzt dem Zufall überlassen. Nebst der Förderung unserer Wissenschaft, wäre eine Hauptaufgabe der psychoanalytischen Vereinigung, diesen Widerstand der wissenschaftlichen Kreise zu behandeln. Diese Aufgabe allein könnte ihre Gründung rechtfertigen. 

Meine Herren! Wenn Sie prinzipiell meinen Vorschlag, zur zweckmäßigeren Geltendmachung unserer wissenschaftlichen Bestrebungen eine ›Internationale psychoanalytische Vereinigung‹ zu gründen, annehmen, so habe ich nichts weiter zu tun, als Konkrete Vorschläge zur Verwirklichung des Programms zu unterbreiten. 

Ich schlage vor, eine Zentralleitung zu wählen, die Bildung von Orts- gruppen in den Kulturzentren zu unterstützen, den jährlich zusammenzutretenden internationalen Kongreß zu systematisieren und nebst dem ›Jahrbuch‹ baldmöglichst ein öfter erscheinendes offizielles wissenschaftliches Vereinsorgan zu gründen. 

Ich beehre mich, einen Entwurf der Statuten der ›Vereinigung‹ zu unterbreiten.

Nachtrag:

Editorische Anmerkung: dieser Nachtrag wurde 1927 verfasst.

Die Gründung der ›Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung‹ wurde auf dem Nürnberger Kongreß diesen Vorschlägen entsprechend beschlossen. Die Vereinigung funktioniert seitdem ununterbrochen; selbst der Weltkrieg konnte ihrer Internationalität nichts anhaben. Ihre Ortsgruppen befinden sich in New York, London, Berlin, Wien, Budapest, Haag, Zürich, Kalkutta und Moskau. (FN1) Trotz der Ungunst der Verhältnisse wurden bereits neun psychoanalytische Kongresse abgehalten (in Salzburg 1908, Nürnberg 1910, Weimar 1911, München 1913, Budapest 1918, Haag 1920, Berlin 1922, Salzburg 1924, Bad Homburg 1925).2) Offizielle Vereinsorgane sind: 1. die Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse (1927 erscheint der XIII. Jahrgang), (FN 2. Imago, Zeitschrift für die Anwendung der Psychoanalyse auf die Natur- und Geisteswissenschaften (1927 erscheint der XIII. Jahrgang), und 3. The International Journal of Psychoanalysis (1927 erscheint der VIII. Jahrgang). Eine mächtige Stütze fand die Vereinigung im ›Internationalen Psychoanalytischen Verlag‹ in Wien (gegründet 1919). (FN 3) 

(FN 1) Die Konstituierung der Pariser Gruppe erfolgte soeben während der Drucklegung dieser Zeilen [1927].
(FN 2) Der zehnte wird im Herbst dieses Jahres [1927] stattfinden.
(FN 3) Eine viel eingehendere ›Geschichte der Psychoanalytischen Bewegung‹ als die hier skizzierte schrieb später Freud selbst. Man vergleiche auch seine ›Selbstdarstellung‹.