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Nachträglichkeit bei Sigmund Freud (1896b)

Freud, Sigmund (1896b):
Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen.
GW 1, 379-404
SE 3, 162-185

„An Stelle dieser unbestimmten hysterischen Disposition kann nun ganz oder teilweise die posthume Wirkung des sexuellen Kindertraumas treten. Die “Verdrängung” der Erinnerung an ein peinliches sexuelles Erlebnis reiferer Jahre gelingt nur solchen Personen, bei denen dies Erlebnis die Erinnerungsspur eines Kindertraumas zur Wirkung bringen kann. (FN 1)“ (GW 1, 384, SE 3, 166)

(FN 1) „Eine psychologische Theorie der Verdrängung müßte auch Auskunft darüber geben, warum nur Vorstellungen sexuellen Inhaltes verdrängt werden können. Sie darf von folgenden Andeutungen ausgehen: Das Vorstellen sexuellen Inhaltes erzeugt bekanntlich ähnliche Erregungsvorgänge in den Genitalien wie das sexuelle Erleben selbst. Man darf annehmen, daß diese somatische Erregung sich in psychische umsetzt. In der Regel ist die diesbezügliche Wirkung beim Erlebnisse viel stärker als bei der Erinnerung daran. Wenn aber das sexuelle Erlebnis in die Zeit sexueller Unreife fällt, die Erinnerung daran während oder nach der Reife erweckt wird, dann wirkt die Erinnerung ungleich stärker erregend als seinerzeit das Erlebnis, denn inzwischen hat die Pubertät die Reaktionsfähigkeit des Sexualapparats in unvergleichbarem Maße gesteigert. Ein solches umgekehrtes Verhältnis zwischen realem Erlebnis und Erinnerung scheint aber die psychologische Bedingung einer Verdrängung zu enthalten. Das Sexualleben bietet – durch die Verspätung der Pubertätsreife gegen die psychischen Funktionen – die einzig vorkommende Möglichkeit für jene Umkehrung der relativen Wirksamkeit. Die Kindertraumen wirken nachträglich wie frische Erlebnisse, dann aber unbewußt. Weitergehende psychologische Erörterungen müßte ich auf ein anderes Mal verschieben.– Ich bemerke noch, daß die hier in Betracht kommende Zeit der “sexuellen Reifung” nicht mit der Pubertät zusammenfällt, sondern vor dieselbe (achtes bis zehntes Jahr).“ (ebd.)

Anmerkung: „posthum“ ist hier mit „nachträglich“ gleichzusetzen.

Redaktion: CD, 3.2.2017