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Riklin, F. (1911): Bericht über Eugen Bleulers Vortrag über Ambivalenz

Vortrag von Prof. Bleuler-Zürich über Ambivalenz.
Bericht Dr. F. Riklin

Es gibt: eine affektive Ambivalenz. Die gleiche Vorstellung ist von positiven und negativen Gefühlen betont (der Mann hasst und liebt seine Frau).

Eine voluntäre Ambivalenz (Ambitendenz). Man will etwas und zugleich will man es nicht, oder will zugleich das Gegenteil. Der Ambitendenz auf Anregung am nächsten liegt der Begriff der negativen Suggestibilität.

Eine intellektuelle Ambivalenz. Man deutet etwas positiv und zugleich negativ: Ich bin der Dr. A.; ich bin nicht der Dr. A. Das Wort ‚Lohn‘ bedeutet auch Strafe.
Die drei Formen lassen sich nicht trennen, gehen in einander über und kombinieren sich. Der Patient ist zugleich mächtig und machtlos.

Theorie.
Die Ambivalenz ist äusserlich begründet: ‚Jedes Ding hat seine zwei Seiten‘. Der Normale zieht meistens, aber nicht immer, das Fazit aus beiden; der Schizophrene lässt beide Gefühlsbetonungen nebeneinander bestehen.
Affektive Gegensätze sind innerlich näher verwandt als andere Dinge, die nicht auf die gleiche Wage gelegt werden. - Eine Menge von erwünschten Dingen entsprechen der Erwartung nicht, namentlich bei Dementia praecox.
Die Ambivalenz des Willens macht, dass man überlegen muss; es besteht eine Analogie mit der Bedeutung der Sehnenreflexe auf dem motorischen Gebiete. Alles in unserer Physiologie und Psychologie wird durch gegensätzliche Kräfte reguliert. Starken Ausschlägen nach der einen Seite entsprechen starke nach der andern. (Kinder; Dementia senilis; Negativismus und Befehlsautomatie.) Ambivalent ist stets die Sexualität; deswegen die mächtigen Verdrängungserscheinungen.
Auf dem Gebiete der intellektuellen Ambivalenz sehen wir, dass Schwarz dem Weiss näher verwandt ist als z. B. Hart. In der Sprache kommen zahlreiche intellektuell ambivalente Ausdrücke vor.
Es besteht ein Zusammenhang zwischen Ambivalenz und dem Negativismus.
Der Ambivalenz entspricht die Teilung der Person in Mythologie, Träumen, Dämonismus, Hysterie etc.
Die affektiv ambivalenten Ideen sind die nicht zu erledigenden. Deswegen spielen sie die grösste Rolle in Krankheit, Traum und Mythologie (Autoreferat).

Diskussion.
C. G. Jung, Küsnacht: Der Begriff der Ambivalenz ist wahrscheinlich eine wertvolle Bereicherung unseres Begriffschatzes. Im Gleichen kann das Gegensätzliche liegen. Altus = hoch und tief. Es gibt eine Schmerzwollust. Es handelt sich also nicht um ein Nacheinander, sondern um ein Ineinander, ein zugleich gegebenes. Er stösst sich am Satz: ‚Die Ambivalenz ist das Treibende.‘ Sie ist es wahrscheinlich nicht, sondern ist das Formale, das wir überall finden. Freud hat viele Beispiele aus der Sprachgeschichte erwähnt. Auch moderne Worte haben Ambivalenz, z.B. ‚sacre‘, ‚luge‘ (irisch) = Vertrag; ‚bad‘ (englisch) = bat = bass (mittelhochdeutsch) = gut. Durch Sprachwanderung wird die Wortbedeutung historisch in den Gegensatz verändert. Der Traum bedient sich sowohl der Ähnlichkeit als des Gegensatzes. Unter den Ähnlichkeitsmöglichkeiten ist der Kontrast die allernächste. Von ihm, Jung, wurde geträumt: Er ist ein kleiner Mann, mit einem Barte, hat keine Brille, und ist nicht mehr jung. Also lauter Gegenteile. Wenn wir unsere psycho-analytischen Ansichten belegen sollen, so haben auch wir, so gut wie etwa die Anatomen, unser unzweideutiges Demonstrationsmaterial und zwar in den Monumenten der Antike, auf dem Gebiete des Mythologischen. Z. B. ist der Fruchtbarkeitsgott auch der Zerstörer (Indra). Die Sonne bedeutet Fruchtbarkeit und Zerstörung. Darum haben wir für die grösste Sonnenhitze den Löwen als Tierkreiszeichen. Die Ambivalenz zeigt sich in den mythologischen Sukzessionen, Odin wird zum wilden Jäger, der die einsam auf der Strasse gehenden Mädchen belästigt. Freja ist zur Teufelin geworden. Aus Venus ist, wie uns die Philologen nachweisen, im guten Sinne St. Verena geworden (St. Verena als Schutzheilige von Baden im Aargau; die Badeorte waren, wie wir aus der Geschichte wissen, der Venus geweiht und dienstbar). St. Verena, die Venus, gibt aber auch gefährlichen Bergen den Namen (Verenelisgärtli beim Glärnisch; St. Verenakehle heisst die grosse Lawinenkehle am Schafberg im Säntisgebiet). Devas (Sanskrit) = Engel, wird zum Teufel im Persischen. Die Schlange am Pfahle entspricht der Ambivalenz des Christusbegriffes.

Die Darstellung der Libidio schwankt zwischen den Symbolen des Löwen und der Schlange, dem Prinzip des Trockenen und Feuchten; beides sind gegensätzliche Sexual- resp. Phallussymbole. Jung sah einen Priap in Verona. Er hält lächelnd einen Korb voll Phalli am Arm und zeigt mit der anderen Hand auf eine Schlange, welche ihm den erigierten Penis abbeisst,

Die Ambivalenz ist schön zu zeigen in der erotischen Scherzsprache, z.B. im ‚goldenen Esel‘ des Apulejus; ferner in der mystischen Sprache; Mechtildis von Magdeburg sagt: ‚Von Christi Liebe bin ich in den Tod verwundet.‘ Durch die Fällung des Stieres (in den mithrischen Mythologien) entsteht die Schöpfung. ‚Der Stier ist der Schlange Vater und die Schlange des Stieres Vater.‘ Unsere christlich religiösen Vorstellungen basieren ebenfalls auf diesem Prinzip. Man wird durch den Tod Christi erlöst zum ewigen Leben. Das Gleiche findet sich in dem im Altertum und für die Verbreitung und die Ideen des Christentums so bedeutenden Mithraskult.

Bleuler bestätigt, dass das Treibende nicht die Ambivalenz, sondern die Affektivität sei. Er erwähnt noch die oft ganz krasse Darstellung der Ambivalenz in der Mimik der Geisteskranken.

Quellen:

Riklin, F. (1911): Der Bericht über den Vortrag von Prof. Bleuler über die Ambivalenz und die Diskussion finden sich im Zentralblatt für Psychoanalyse 1, 1911, S. 266-268
Textquelle: http://www.sgipt.org/medppp/gesch/ambiv-g.htm
Bildquelle: http://www.sgipt.org/medppp/gesch/ambiv-g.htm

Redaktion: CD; 23.2.2012