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Hans Keilson - Chronologie

Hans Keilson mit Helmuth Thiel - DIPsat 2010, Wien

Hans Keilson wurde am 12. Dezember 1909 in Bad Freienwalde an der Oder als Sohn eines Textilhändlers jüdischer Herkunft geboren.
17jährig gewann er bei einem Schülerwettbewerb des Börsenvereins mit einem Text zu Hesses „Demian“ den dritten Preis. Im 1984 verfassten Nachwort zu seiner Erzählung „Das Leben geht weiter“ (S. 246-251) erinnerte sich Keilson im autobiographischen Rückblick:

„Von den gewonnenen 30 Mark erwarb ich drei Bücher, es dauerte Wochen, bis der neugierig-entrüstete Buchhändler des Städtchens sie mir aushändigte: ‚Eros im Zuchthaus‘ von Karl Plättner (…) den Novellenband ‚Erstes Erlebnis‘ von Stefan Zweig und die wunderschöne ledergebundene Dünndruck-Taschenausgabe der ‚Vorlesungen‘ von Sigmund Freud (…) die ich über die Jahre gerettet habe, die beste, beglückende Einführung in das Fach, das ich auch heute, wenn gleich kritischer geworden, noch ausübe.“
(Keilson 1933/1984, S. 247f. Zitiert nach Kaufold, 2010, hagalil.com)

1928-1934 Medizinstudium in Berlin.
Gleichzeitig Ausbildung als Turn-, Sport- und Schwimmlehrer in der Preußischen Hochschule für Leibeserziehung in Spandau.
1933 Veröffentlichung seines ersten autobiografischen Romans „Das Leben geht weiter“.

Diese autobiographische, selbstanalytische Erzählung beschreibt den wirtschaftlichen Niedergang eines kleinen Selbständigen am Ende der Weimarer Republik. Der begabte junge Mann hatte ein sehr persönliches, widerständiges Motiv für diesen autobiographisch inspirierten Roman, sein psychoanalytisches Interesse wurde bereits früh geweckt:
„Auf Anregung einer amerikanischen Kommilitonin, die am Berliner Psychoanalytischen Institut ihre Ausbildung erhielt, meldete ich mich eines Tages dort an, wurde empfangen und erzählte ‚mein Leiden‘. Der betreffende Analytiker – war es Sachs? – hörte mich ernsthaft an und teilte mir schließlich mit, er sehe keinen Anlass für eine psychoanalytische Behandlung. Wütend ging ich nach Hause und schrieb die ersten Sätze.“
(Keilson 1933/1984, S. 248. Zitiert nach Kaufold, 2010, hagalil.com)

1934 Verbot seines Romans „Das Leben geht weiter“ durch das NS-Regime.
1934 Staatsexamen in Medizin.

Wegen Publikations- und Praxisverbots für StaatsbürgerInnen jüdischer Herkunft bis 1936 Sportlehrer an jüdischen Privatschulen.

1936 Mit seiner ersten Frau Gertrud Manz (verstorben 1969) Emigration in die Niederlande.
Arbeitete unter Decknamen als Arzt für die illegale Untergrundgruppe /Vrije Groepen Amsterdam“ mit untergetauchten jüdischen Kindern.
1940 Mitglied des niederländischen Widerstandes, überlebte im Untergrund - getrennt von seiner Frau und ihrer in den Niederlanden 1941 geborenen ersten Tochter Barbara.
1942: Im Untergrund Beginn seines Romans „Der Tod des Widersachers“ (erschienen 1955).
Erste Gedichte.
Ermordung seiner Eltern im Konzentrationslager.

1945 Nach der Befreiung der Niederlande wieder Aufnahme seiner medizinischen Arbeit.
Neuerlich Medizinstudiums, da sein akademischer Abschluss aus Deutschland in den Niederlanden nicht anerkannt wurde,  psychiatrische Ausbildung.
Psychoanalytische Ausbildung.

Arbeit mit schwer traumatisierten jüdischen Waisenkindern.
Mitbegründer von „Le Ezrat Ha Jeled“ (Zur Hilfe des Kindes), einer Hilfsorganisation für jüdische Waisenkinder.
1967 Mitarbeiter der kinderpsychiatrischen Universitätsklinik Amsterdam.

1970 begegnete er in Amsterdam in den Redaktionsräumen der Exilzeitschrift „Castrum Peregrini“ erstmals seiner späteren zweiten Frau Dr. Marita Keilson-Lauritz (geb. 1935, Literaturwissenschaftlerin, aus Deutschland stammend).
1974 Geburt seiner zweiten Tochter Bloeme.

1979 Promotion über: „Sequentielle Traumatisierung bei Kindern. Deskriptiv-klinische und quantifizierend-statistische follow-up-Untersuchung zum Schicksal der jüdischen Kriegswaisen in den Niederlanden.“ (Neuaflage: 2001. Gießen: Psychosozial)

„Mit dieser Arbeit“ – fügt Keilson 1984 hinzu – „habe ich endlich Kaddisch gesagt, das Totengebet, das ich lange nicht sprechen konnte.“ (Keilson 1984, S. 250. Zitiert nach Kaufold, 2010)

Keilson versuchte mit dieser Studie, sowie mit zahlreichen weiteren klinischen Behandlungsberichten, den Gerichten sowie den zuständigen Versorgungsinstitutionen in den Niederlanden das erschütternde Leid zu verdeutlichen, welches die deutschen Nationalsozialisten diesen jüdischen Kindern zugefügt hatten. (Kaufold, 2010, hagalil.com)

„Ich habe unzählige Rapporte geschrieben über Kinder und Erwachsene, die ich untersucht oder behandelt habe, um Gerichte und andere Instanzen im Idiom meines Faches von dem Leid zu überzeugen, das sie in schweren Jahren überkommen hatte. Diese Arbeit bestimmt im Grunde mein persönliches Verhältnis zur Literatur.“

(1933/1984, S. 250f. Zitiert nach Kaufold, 2010, hagalil.com)

1985 bis 1988 Präsident des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland.
1996 Franz-Rosenzweig-Gastprofessur der Universität Kassel
1999 korrespondierendes Mitglied in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung.
1999 - Elise M. Hayman-Preis der International Psychoanlytical Association.
2005 – Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay
2006 PEN Ehrenmitglied

2007 – Moses-Mendelssohn-Medaille des Moses Mendelssohn Zentrums Potsdam
2008 - WELT-Literaturpreis
Silberne Medaille der Federation Internationale de Resistance (FIR)
Bundesverdienstkreuz 1. Klasse

2008 erschien in der „Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis“ eine zusammenfassende Studie über sein Leben und Wirken.

2009 feierte die „Neue Rundschau“ (120. Jahrgang 2009, Heft 4, S. Fischer Verlag) Hans Keilsons 100. Geburtstag mit Beiträgen von Jörn Jacob Rohwer, Tilman Krause, Gerhard Kurz, Dietrich Detering, David Becker und Ralf Syring.

„Da steht mein Haus“. Hans Keilsons Autobiografie wurde vom S. Fischer-Verlag, der 1933 auch seinen ersten Roman publizierte, 2011 - zwei Monaten vor seinem Tod - ausgeliefert.

Hans Keilson starb am 31. Mai 2011 in Hiversum, Niederlande.

Anmerkungen:
Das Bild zeigt Hans Keilson mit Elisabeht Brainin - DIPsaT 2010, Wien.
Zur Literatur (Auswahl) siehe entsprechende, ebenfalls hier angeführte Datei.

Zusammengestellt von Christine Diercks, 6.6.2011, 31.10.2012